Washington DC.
Sie ist da. Endlich. Zwar nicht ersehnt, doch dringend erwartet. Dringend im Angesicht meiner blau durchschlängelten und bereits unebenen Haut am ganzen Körper. Selbst an den Füßen treten die Venenschlangen bereits hervor. Denn die senkrecht-aufrechte Mutter aller Schlangen in der Körpermitte wird vom Tumor immer mehr zugedrückt, so dass sie sich selbst und all ihre im Körper verteilten Töchter verkrampfen und nach außen flüchten. Blau und uneben ist die Körperlandschaft der Venenschlangen deshalb. Die sich windenden Venenschlangen rufen mir verzweifelt die Notwendigkeit des sofortigen Handelns zu. Sie wollen wieder zurück in die behagliche Verborgenheit des inneren Fleisches. Den Dunkelgetieren gefällt das grelle Licht an der Hautoberfläche nicht. Genauso wenig gefallen sie mir von außen blickend. Je drängender die Venenschlangen sich nach außen pressen, desto dringender war das Warten auf die Ankunft von ihr.
Jetzt ist sie da. Sie ist auf leisen Sohlen heran getappt, die am heutigen Tage noch nicht fällig waren. Die Zeit verrichtete ihre Arbeit der Raffung also ausgesprochen gut. Denn die Zeit hat sie herbei gezerrt. Daran hatte die mir so angenehme, da britisch vertraute und in der Fremde verbundene Sekretärin von Dr. T. mit ihrer Organisations- und Terminkunst ihren hehren Anteil. Nach nur drei Tagen alle Untersuchungen durchlaufen und bereits alle Ergebnisse eingeholt. In Deutschland wären dafür drei Wochen von Nöten gewesen, ganz gleich, wie drängend die Venenschlangen pochten. Die britische Hilfe tat demnach ein Übriges, um ihr den Weg zu mir zu bereiten. Plötzlich stand sie vor mir und richtete sich ein. Plötzlich war sie da und ist es noch immer. Die Entscheidung. Die Richterin der Zukunft. Die Richterin meines künftigen Lebens.
Ich war gerade von meiner Schlafnarkose aufgewacht, als bereits der Endokrinologe neben mir stand. „Already done?“, fragte ich ungläubig skeptisch. Ich war doch vor einem Augenschlag erst eingeschlafen. Der Leitfaden des Übermaßes war folglich auch bei dieser Untersuchung errötet. Legt sich in deutschen Küchengeräten nur ein leichter Nebelschleier um den darmzuspiegelnden Patienten, wird der selbige im amerikanischen Kühlschrank vollkommen aus der Wirklichkeit katapultiert. Mir war es nicht unangenehm, muss ich wider meines europäischen Stolzes, der zurecht an ein Minimum an Medikation appelliert, zugeben. Ein kleines Nickerchen mitten am Tage vergönnt mir mein Körper-, Geist- und Seele-Regime sonst nicht. Es hat mich um die Unannehmlichkeit einer Minikamera im Darmtrakt gebracht. Ich schlief ein und wachte eine gefühlte Sekunde später wieder auf. Erneut wusste die Zeit im Kühlschrank im Speziellen und im amerikanischen Traum im Allgemeinen mit ihrem Raffungstalent zu glänzen.
„Yes, our anaesthesia works pretty well.“, antwortet der Endokrinologe stolz. Er teilt mir – Zeiteffizienz, Zeiteffizienz! – unmittelbar mit, dass sich keine ungewöhnlichen Gäste in meinem Darm befänden. Dr. T. hatte den Verdacht prüfen wollen, ob mein seltenes Stück von Tumor auf einen Gendefekt zurückzuführen sei, der auch Polypen im Darm ansiedeln lässt. Familiäre Polyposis, um Fachbegierige zufrieden zu stellen. Doch mitnichten. Diese genetische Krankheit ist glücklicherweise an mir vorüber gegangen. Mein Stück von Tumor bleibt ein Einzelfall, bleibt eine Besonderheit, die ich mir als Besonderung imaginiere und interpretiere.
Nach dieser Erleichterung und egostreichelnden Bestätigung meines Sonderfalls will die Schwester meinen vorgeschützten Hotel-Concierge aus dem Wartezimmer holen lassen. Diesen Hotel-Concierge gibt es aber nicht. Der Untersuchungsbedingung einer Begleitperson nach Hause war ich ex ante mit der Täuschung eines beauftragten Hotel-Concierges nachgekommen. Ich bin allein in Washington, Himmel Herr Gott! Wer sollte mich schon abholen können?
Dieser nichtexistente Hotel-Concierge wäre nur eine Marginalie, hätte er nicht dazu beigetragen, sie herbei zu holen. Denn ein Verständnisfehler um den Hotel-Concierge bescherte mir das Gespräch mit Dr. T., das frühestens auf Freitag terminiert gewesen war, bereits heute. Und mit diesem Gespräch kam sie, die Entscheidung, herbei.
Um die Abwesenheit des Hotel-Concierges zu kaschieren, sage ich der Schwester: „That’s not necessary, thanks. I first have to go to the transplant center to see Dr T.’s secretary. She wanted me to come to see her directly after my colonoscopy because of my appointment with Dr. T..” Wohl gemerkt: wegen meines Termins mit Dr. T. in der Zukunft der Tage, nicht der Gegenwart des Heute. Doch dieses zeitlichen Unterschieds wurde die Schwester offensichtlich nicht gewahr, rief sie doch anstelle der Sekretärin den freitäglich erwarteten Dr. T. persönlich an und herbei. Plötzlich stand er neben mir, die vor einem Moment noch darmgespiegelt und vor einem halben Moment erst aufgeweckt wurde. Während ich mich – natürlich! – schnell ankleidete, verbeugte ich mich gedanklich vor der beschleunigten Zeit des Kühlschranks und dankte der intersubjektiven Kommunikationsschwierigkeit zwischen der Schwester und mir. Angezogen führte mich Dr. T. in sein prächtig symbolkapitales Büro und ließ die Tür offen – für sie.
Ich lasse mich in den gemütlichen Ledersessel vor seinem Mahagonischreibtisch nieder. Vom bemitleidenswerten Krankenbett in den edlen Clubsessel innerhalb von zehn Minuten ist kein unansehnlicher Rekord, würde ich einmal sagen. Die Sublimität des Gesprächs, die Sublimität der langsam ins Zimmer schreitenden Entscheidung hat sich ein passendes Ambiente gesucht. Dementsprechend nehme ich Haltung an.
Auf der britisch ermöglichten Grundlage aller Ergebnisse unterbreitet mir Dr. T. die bereits aus Deutschland bekannte Komplexität meines Stücks Sonderfall. „It doesn’t look very good to be honest. There might an option to partially remove the tumor, but I cannot guarantee anything. Most likely you will become diabetic and if I had to remove your small bowel you would also need artificial nutrition. I think I could save your liver, but still would recommend multivisceral transplantation. It’s the more entire solution and would give you a relatively similar life quality as now. Though of course, the risk of not accepting the organs is at 25%. The pictures don’t show me what I could do in a resection. It might succeed, but there’s no guarantee. It’s very complicated.”
Halt, halt, halt! Nicht so schnell, hier muss ich der gerade noch gelobten Zeitraffung Einhalt gebieten. Zum Verstehen und Denken braucht man Zeit. Information-overload. Mit klassisch deutscher Ordnungs- und Strukturliebe muss vorgegangen werden. „If I understand you correctly, there are two options, no? One is the resection with possible auto-transplant and the other one is direct multivisceral transplantation with possible maintenance of my liver.” Ich pausiere. “I know probabilities are very hard to estimate in my case, but what would you say is the chance of success with a resection?”
Er zögert und denkt sichtlich angestrengt nach. “Of course, you cannot really tell, but I would say fifty-fifty.“ Das ist nicht sehr viel, ich hatte mir mehr erhofft. Doch es ist eine noch immer konsiderable Zahl, eine Chance, die noch besteht.
„I mean“, fahre ich fort, „I could do the resection with possible auto-transplant and if it doesn’t succeed, I could still do the multivisceral transplantation, no?” Strategisches Denken gehört glücklicherweise zur deutschen Strukturliebe.
“Yes, sure. It’s just the question if you want to take up the risk what your doctors in Germany did: that I open up and cannot do anything. So that the surgery would be for nothing. That’s a real possibility. And of course, there are also the pain and the need for recovery after such a surgery. And also it could make a later multivisceral transplantation more complicated.”
Zweifelsohne schwer wiegende Faktoren. Indes, sind meine Organe einmal draußen, sind sie auf immer flügge. Ich möchte mir später, wenn mein Körper vielleicht gegen seine neuen Gäste im Bauch rebelliert und ich das Krankenbett nicht mehr so einfach gegen den Ledersessel eintauschen kann, nicht nachsagen: „Hätte ich doch die Resektion…“. Andererseits ist das Risiko eines erneuten Wachstums des restlichen Stücks Sonderfall bei einer Resektion auch nicht gering.
Ich springe zwischen Einerseits und Andererseits, Für und Wider, Vor- und Nachteilen, Resektion und Multi-Organtransplantation hin und her. Die Entscheidung spannt das Seil der Ungewissheit mit all ihren Kräften. Und Dr. T. springt mit. Wir sind beide gleichermaßen unsicher, ungewiss, unschlüssig. Ich bin froh, dass er es zugibt. Einen amerikanischen Heroen, der alles zu vollbringen vorgibt, kann ich nicht gebrauchen. Ich möchte ihm nicht die Pistole auf die Brust setzen, doch die Brisanz der Lage gebietet Direktheit anstelle von Höflichkeit. „I mean, I know it’s hard to tell. But which option would you recommend me if I was, …let’s say: your daughter?”
Wieder zögert er, wieder blickt er in die Luft, wieder kräuselt sich die Denkader auf seiner Stirn. „That’s a really tough one. I think I would recommend you at first the multi-visceral transplant. I could probably keep your liver and the tumor could likely be removed entirely. Yet what we could also do is to do the resection with possible auto-transplant as an exploration where I see what I can do, but where I don’t do anything that could render you without small bowel.” Ich hatte ihm eingeschärft, dass die conditio sine qua non, die ultimative Bedingung, die bottom line für mich eine relative normale Essensaufnahme sei. Den Goldspatz des verlorenen Essens, der ihm beim ersten Gespräch vor zwei Tagen aus dem Mund geflogen war, hatte ich geköpft. (Ich hatte dabei nicht das geringste Mitleid empfunden.)
Mit dem Tod des Goldspatz des verlorenen Essens starb natürlich auch ein Teil dessen, was möglich sein könnte. „I open up and if not feasible, I would step back and close up without having done anything.” Das wäre dann meine dritte Operation, bei der effektiv nichts geschehen wäre. Auf Juli 2007 und Juli 2009 im Toaster folgte nächste Woche Mittwoch im Kühlschrank. In dieser Bälde wäre ein OP-Saal für mich frei, wie die bemühte britische Sekretärin auf meine – nicht auf Dr. T.‘s! Er drängt zu nichts – Anfrage mittlerweile gecheckt hat. Der Konjunktiv wird am heutigen Mittwoch, in diesem Gespräch, in diesem symbolkapitalen Chefbüro, über den Mahagonischreibtisch hinweg ganz schön in die Pflicht genommen. Auch er hat das der ebenfalls in einem Ledersessel ruhenden Entscheidung zu verdanken. Ich würde ihm gerne frei geben, doch lauert die Entscheidung und spannt ihr Seil noch gleichermaßen luftzerschneidend.
Dr. T. und ich spielen weiter Szenarien durch, springen weiter hin und her, hüpfen weiter über das Seil der Ungewissheit. Er wird mir immer sympathischer, je länger wir springen. Gemeinsam sind wir auf der Suche nach der stabilsten Seite des Seils. Nach derjenigen Seite, auf der ich in Zukunft möglichst lange stehen bleiben kann. Er ist zu meinem Springseilpartner geworden.
Später wird er mir auf meine email mit der versprochenen Englischübersetzung des letzten OP-Berichts, der ihn vor dem warnen soll, was schon zweimal einen Erfolg verhindert hat, mit partnerschaftlichem Ton antworten. „You strike me as quite an extraordinary person.“ Mein Stück von Sonderfall lässt mir da keine Wahl. Ganz im Gegensatz zu Frau Entscheidung, die sich seit ihrem Eintreffen im symbolkapitalen Büro von Dr. T. an meine Fersen heftet. Wie ein Schatten lässt sie mich keinen Augenblick mehr allein, frei sein, ruhen. Sie treibt mich zum weiteren Springen zwischen dieser und jener Seite an. Um sie zu vertreiben, bin ich noch zu schwach.