25. November 2009 – Lehrstück in Sachen Lebensverdichtung

Washington DC. Rückschau auf den Schwarzwald. 

Die Raffung der Zeit will es, dass ich erst jetzt in Washington meinen kuriosen Trip in den Schwarzwald be-schreiben kann. Er muss be-schrieben werden, da er das stetige Dasein von Zeitkontrolle bezeugt. Die Zeit fliegt, doch ich kann sie noch an mich reißen. So hat sich ein Lehrstück dessen zugetragen, was ich unter Lebensverdichtung verstehe. Was ich darunter verstehe, das Leben zu intensivieren und zu verstärken; es wie eine Stereoanlage aufzudrehen und wie eine Orange auszupressen. Was ich darunter verstehe, die Zeit am Kragen zu packen, an der Zeit zu kratzen, die Zeit zu unterwerfen.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Als ich vor drei Wochen zu meinem Freund nach London flog, lernte ich in der Früh beim Laufen im kleinen Park einen jungen Mann kennen. Noch immer mit einem Bein im Schlafland, riss er mich in die Wirklichkeit, als er mir ebenfalls laufend entgegen kommend anzeigte, stehen zu bleiben. „Excuse me please, but I’m a bit confused now. Could it be that I saw you yesterday at Stansted airport? I remember you were entering the coach to London with a coffee in your hand when I saw you. Already by then I thought: ‘If you ever saw that woman again, you must absolutely speak to her.’ And now I saw you again.”

Ich war konsterniert. Triefend von Schweiß und Londoner Nieselregen wurde ich von einem durchaus ansehnlichen jungen Mann in meinen Träumen überrascht. Und seine Geschichte war nicht einmal erfunden, was der wahrhaftige gestrige Kaffee in meiner Hand bewies. Zwar hatte ich ihn am Vortag vice versa mitnichten bemerkt, doch war der Zufall des Wiedertreffens bei gleichzeitigem Laufen in einem kleinen Park im großen London allzu kurios, als dass ich die Gelegenheit hätte verstreichen lassen wollen. Notabene gefiel er mir nicht übel.

Es stellte sich heraus, er war aus Frankfurt, lebt auf temporären Abwegen seit kurzer Zeit im Schwarzwald und besuchte übers Wochenende ebenfalls einen Freund. Der nuancierte Unterschied unserer Besuche ‚eines‘ und ‚meines‘ Freundes verhinderte zwar den verabredeten Kaffee am Tag meiner Abreise.

Allerdings blieben wir in Kontakt und nun, drei Wochen später, trafen wir uns wieder. Gewollt, geplant, geglückt. Bevor ich in die amerikanische Unbekannte aufbrach, habe ich mich noch einmal zur Herrscherin der Zeit aufgeschwungen. Ein rational irrsinniges Unterfangen, doch ein Lehrstück in Sachen Zeitunterjochung. Für einen Abend, eine Nacht und ein Frühstück fuhr ich in den Schwarzwald und habe genossen. Denn ich bedurfte ein bisschen Zweisamkeit, war der Anzeiger des Männertanks in letzter Zeit doch allzu tief gesunken.

Dies konnte auch mein Aufenthalt bei meinem Freund in London nicht aufhalten, ist er doch nur mehr eine Formalie in meinem Leben. Mein Tumor hat ihn schon seit seinem erneuten Bühnenauftritt vergangenen Juli, in dessen Folge ich unser gemeinsames London verließ, ersetzt. Mein Interesse, nicht zu sprechen von Gefühlen, ging seitdem verlustig. Er im Gegenzuge hängt wohl allzu sehr an mir, als dass er einen Schlussstrich ziehen würde. Ich in meiner Indifferenz habe keinen Anlass, das Gleiche zu tun. Lieber gemein aber ehrlich.

Denn mein Reservoir an Liebelei und Lebenskraft  weiß ich durch kleine Bandeleien aufzufüllen  – bewusst mit dieser Intention kalkuliert, dann emotional realisiert. Dies war der Hauptgrund für den Schwarzwald und es stellte sich heraus, dass der Zeiger des Männertanks schlagartig nach oben stieg. Er hatte schon gekocht und Kerzen angezündet, als ich abends ankam, der Romantiker. Danach entführte er mich in ein nahe gelegenes Spa, in dessen nackter Saunalandschaft wir ohne lästige Schamgefühle bereits unsere beider Körper sahen. Nicht einmal mein vernarbter aufgeblasener Bauch stand zur Debatte. Dem Verstand nach eigentlich Quell von Kopfschütteln, war Lockerheit zwischen uns eigentlich Fremden, doch schnell Vertrauten des Abends – und der Nacht Motto. Lockerheit und Lachen. Nach gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen fuhr ich entspannt, befreit und grinsend wieder in die Heimatstadt. Mein inneres Bedarfsreservoir an Nähe zum männlichen Anderen ist seither gedeckt, mein innerer Bedarfstank an Lebensverdichtung durch kleine Verrücktheit angenehm gefüllt.

Selbst zeitgeraffte Ewigkeiten und ozeanische Raumverschiebungen später lächle ich noch immer schelmisch, denke ich an den Schwarzwald zurück. Dieses Lehrstück in Sachen Lebensverdichtung entstammt zwar einer anderen, nämlich heilen Welt, doch trinke ich dieser kranken Tage in der amerikanischen Weltenferne genüsslich aus meinem berstenden Lebenstank.                  

Advertisement

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Connecting to %s


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.