Washington DC.
Nach gestriger Ankunft von ihr könnte der heutige Tag nicht besser ins Situationsbild, nicht besser zu meiner Stimmung, nicht besser zu ihr passen. Seitdem mir die Entscheidung seit gestern im Rücken sitzt, ist Totenstille eingetreten. Eine Totenstille, die den Titel Thanksgiving trägt.
Die bekümmerte britische Sekretärin hatte mir schon im Vorfeld ihr tiefstes Bedauern ausgedrückt, dass ich diesen höchsten amerikanischen Feiertag ohne Familie in Washington verbringen werde. „Please let me know if you need anything over the Thanksgiving holiday. I hate the thought that you are here alone. Please don’t hesitate to call me at home if you need anything, or have any problems.” Ich war tief berührt von ihrer Herzlichkeit. Und gleich einmal auf die säkular sakrale Stimmung des kommenden Tages eingestimmt. Selbst der Taxifahrer hatte mir schon prophezeit, ich würde außer den ‘homeless’ keinen Menschen auf der Straße antreffen. Er sollte am Ende des Tages Recht behalten. Die Familien blieben zu Hause und frönten der Gemeinsamkeit und dem Truthahn. Sie priesen keinem Gott, sondern der Institution der Familie und der Familie der Nation. Gerade weil der Feiertag ein weltlicher ist, wird von Ost- bis Westküste auf ihn das hohe Lied der Nation gesungen. Gerade weil Thanksgiving nicht von frommen Schriften sondern von der fruchtbaren Erde herrührt, fühlt sich das multireligiöse Volk für einen Tag über alle Glaubensbarrieren und über die Weitläufigkeit des Landes hinweg vereint. Dieser eintägigen Verbundenheit wurde qua Dankbarkeit in Andacht gehuldigt.
Ich wiederum widmete mich in Andacht an diesem Tag der Totenstille meinem lauernden Schatten. Denn ich hüpfe noch immer über das Springseil der Ungewissheit. Resektion oder Multiorgan, Resektion oder Multiorgan, Resektion oder Multiorgan. Hin und her und hin und her und hin und her und hin und her. Mir ist schon ganz schwindelig und ich bin außer Atem. Um mir zu mehr Luft zu verhelfen, spazierte ich tagsüber auf den leer gefegten Straßen und ließ mich von der Stille der Stadt in die Lüfte heben. Nur am Weißen Haus holten mich ein paar lautstarke Touristen wieder auf den Boden. Selbst die zahllosen Obdachlosen schienen an Thanksgiving die Stille nicht durchbrechen zu wollen und verzichteten auf ihre monotone Bitte um Kleingeld. Sakrosankt gebärdete sich dieser quasi-religiöse Feiertag. Er ließ mir die Ruhe und den Raum zur Reflektion.
Auch ließ er mir die Zeit und Muse zu regem Austausch mit meinen Lieben über den Ozean hinweg. Mehrmalige Onlinetelefonate mit meiner Mama, emails mit meinem Bruder und meinem besten Freund, Chatnachrichten mit meiner besten Freundin. Der einzige, der an diesem Ruhetag nicht ruhte, war mein Laptop.
Nachdem er seinen Dienst tagsüber eigentlich schon erfüllt hatte, verband er mich abends im Hotel erneut mit meiner Mama. Ich mag die Vorstellung nicht, sie allein in ihrer großen Wohnung zu wissen. Denn zu allem Überfluss verbringt mein Vater nach seiner lange geplanten Knieoperation diese Wochen im Rehazentrum in der trauten bayerischen Wald- und Seenlandschaft. Die leise und eintönige Stimme meiner Mama verrät ihren Schwermut, ihre Traurigkeit, ihre doppelte Belastung mit krankem Mann und Kind. Mir zerreißt es das Herz, meine Mama in diesem Zustand bildlich vor mir zu sehen, schlimmer noch: der kurzfristige Anlass dieses und die lebenslange Ursache solcher Zustände zu sein. Ich versuche sie aufzumuntern und ihr Lebenskraft zu schenken. Denn im Gegensatz zu meiner traurigen Mama bin ich an diesem Abend des Tags der Totenstille heiter und fröhlich. Nach drei ausnehmend zeitgerafften Tagen im chronisch akzelerierten Kühlschrank und in den chronisch beschleunigten Zeitläuften der Washingtoner Woche hat mir die Ruhe gut getan. Derart ausgeglichen quelle ich über vor innerer Freude und Leichtigkeit. Selbst im Schatten der Entscheidung ist das Leben schön. Selbst im Schatten strahlt die Sonne für mich. Selbst im Schatten streichelt der Sonnenschein mein Gesicht.
„Um Dich ein wenig aufzuheitern, Mama, hör Dir das an. Jedes Mal, wenn ich jemandem hier im Krankenhaus meine Geschichte erzähle, egal ob Schwestern, Ärzten oder anderen Patienten, ist die erste Reaktion nicht Mitleid, wie so oft in Deutschland. Das Erste, was zurückkommt, ist lustigerweise immer der gleiche Kommentar: Nämlich dass ich wohl einen ‚strong family background‘ haben müsse, so wie ich das alles hier machte. Darauf sage ich dann immer ganz stolz: ‚Yes, that’s true. Without the strength of family I couldn’t do all that.‘ Das beeindruckt anscheinend, da die Leute dann zumeist ehrfürchtig schauend verstummen. Und es ist ja wirklich so, Mama. Ich will jetzt gar nicht vom Geld anfangen. Viel wichtiger ist, dass ich ohne den Halt, den ihr mir gebt, das alles nicht so einfach durchstehen könnte.”
Meine Mutter lacht zuerst, dann sehe ich sie sich zufrieden zurücklehnen und entspannt lächeln. Ach, tun diese Laute, ach, tut dieses Lächeln gut! Wenigstens für Momente ist ihre Anspannung auf Abwegen. Ihre Stimme ist wieder gefestigt und melodisch.
„Das einzige Gute an dieser ganzen Geschichte ist, dass Du so stark bist, Sophie.“
„Tja, das ist das alte Lied, Mama.“, erinnere ich sie an unsere zahlreichen Gespräche zum Thema Lebenskraft und Lebensmut. „Man wird so gemacht. Da kann ich gar nichts dafür. Entweder Du gehst unter oder Du wirst nur noch stärker. Da ich nicht untergehen will und werde, kann ich nur noch stärker werden.“
Ich zögere. Soll ich meinen weiter führenden Gedanken wirklich aussprechen? Soll ich mich dessen gerade jetzt befreien, da sie sich in dieser fragilen Stimmung befindet? Ja, der Moment ist der gute und sie muss es wissen. Schon lange wartete ich auf Kairos, um ihr Folgendes mitzuteilen. „Weißt Du, Mama, selbst wenn ich mir nicht sicher bin, welche Entscheidung die richtige ist, Eines weiß ich tief in mir drin mit Sicherheit, ja spüre ich in meinem Innersten. Du brauchst Dir keine Sorgen machen, Mama. Denn ich werde niemals vor Dir untergehen.“ Jetzt ist es raus. Ich möchte es noch klarer formen. „Ich werde niemals vor Dir sterben, Mama. Das wird nie passieren, weil ich es niemals zulassen würde.“
Meine Mama weint. Jetzt habe ich es also doch geschafft. Doch es sind nicht die gleichen Tränen wie am Anfang des Telefonats. Es sind keine Tränen der Traurigkeit. die sie vor mir zu kaschieren sich angestrengt hat. Es sind Tränen der inneren Berührung und ja, vielleicht sogar Tränen des Glücks. Ich bin ob ihrer Reaktion genauso gerührt wie sie. Denn es ist wahr, ohne meine Familie wäre ich schon längst untergegangen. Ohne meine Familie könnte ich den Schatten der Entscheidung, der mir immer noch hinterrücks nach schleicht, nicht durch Sonnenstrahlen erhellen. An diesem Tag der Totenstille erliegt selbst die Atheistin, die ich bin, der Aura des Sakralen: Ich bin gesegnet mit meiner Familie.
„Ich hab Dich sehr lieb, Sophie.“
„Ich Dich auch Mama, sehr sehr lieb.“
Nach diesen ergreifenden Worten am Ende dieses Tages der Totenstille scheint mir eine Seite des Springseils solider zu sein als die andere. Obgleich noch zaudernd, neige ich nach einer Seite hin. Ich hüpfe nicht mehr gehetzt hin und her, sondern verweile länger auf einer Seite.
November 28, 2009 at 10:02 am |
Sehr beeindruckend – was du schreibst, wie du schreibst. Ich traue mich ja fast nicht, etwas zu sagen, aus Angst, die Wörter kaputt zu machen…
Ich wollte dir nur viel Erfolg bei deinem Weg wünschen! Es ist schön, wenn man Leute hat, die auf diesem Weg ein Stück weit mitgehen..
November 28, 2009 at 5:00 pm |
Liebe Chaoskatze,
vielen Dank für Deine Worte. Sie könnten niemals zerstören, was ich schreibe! Ganz im Gegenteil: Sie helfen mir zu schreiben.
Ich finde Deinen Blog sehr aufbauend. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich Stellen lese, die mir bekannt vorkommen.
Alles Liebe Dir!
Sophie
November 29, 2009 at 10:55 am |
Danke =)
Habe auch schon deinen Kommentar gelesen.. Wäre das ok, wenn ich dich verlinke?
Bewundere dich wirklich, deine Art zu schreiben, ist wunderschön und einmalig… Es erfasst das Geschehen so mehrdimensional – falls du mal ein Buch schreiben solltest, sag mir Bescheid, ich würde es sofort kaufen! ^^
November 29, 2009 at 4:41 pm |
Klar ists ok, wenn Du mich verlinkst. Sehr gerne sogar. Kann ich umgekehrt ebenso?
Ich freue mich immer sehr, wenn ich etwas zurück bekomme. Da bekomm ich gleich wieder erneute Lust, zu schreiben. Ich hoffe so sehr, damit andere ein wenig zu bereichern.
Mit dem Buch würde ich Dir natürlich Bescheid sagen
LG
Sophie