Können die Zeitläufte nicht einmal geordnet daher kommen? Können sie nicht einmal dem Plan folgen? Müssen sie immer der Überraschung, dem Chaos, dem Unvorhergesehenen frönen? Die letzten zwei Jahre lassen keine andere Antwort als die lauthalse Bejahung zu. Seitdem mein Tumor sich vor zwei Jahren plötzlich aktiv gezeigt hatte und seither mit Operationen, Chemotherapie und Medikamenten getriezt wurde, ist die Ungewissheit zu meiner Busenfreundin geworden. Ungewissheit über das, was ist, was getan werden kann, wie gehandelt werden soll, was sein wird. Die Ungewissheit und ich sind beinahe so sehr verschwistert, dass ich weder ihre permanente Präsenz noch ihre plötzlichen Paraden als anormal empfinde. Die Ungewissheit, die mit dem Unvorhergesehenen ein schönes Paar abgibt, hat sich derart of gezeigt, dass ich mich mittlerweile an ihre Anteilnahme an meinem Leben gewöhnt habe. Das Paar der Ungewissheit und des Unvorhergesehenen sind Eingesessene geworden. Sie überraschen nicht mehr.
Indessen reizen sie noch immer. Je mehr der heutige Tag in die Neige ging und je ungewisser der nächste Tag der eigentlich geplanten Rückreise in die Heimat wurde, desto nervöser und gleichzeitig wütender wurde ich. Ich hatte mich gestern meines Schattens entledigt, hatte mich gestern von ihr befreit, hatte gestern der Entscheidung den Garaus gemacht. Das Springen zwischen dieser und jener Seite des Schicksalsseils hat aufgehört, indem ich auf einer Seite stehen blieb.
Diese Seite sollte ich heute meinem Springpartner erklären. Es drängte in mir die Mitteilung, die von Erleichterung ob der verscheuchten Entscheidung angetrieben wurde. Doch der vereinbarte Anruf ‚at lunchtime‘ von Dr. T. blieb aus. Meine Busenfreundin, die Ungewissheit, machte sich stattdessen breit. „Wo bleibt um Himmels willen die Zeitraffung, wenn man ihrer einmal wirklich bedarf?“, haderte ich ununterbrochen. Die Zeitläufte lachten sich derweil ins Fäustchen.
Um vier Uhr nachmittags beschloss ich, den Kühlschrank aufzusuchen und durch mein grundloses Erscheinen der lieben britischen Sekretärin meine Fiebrigkeit zu bekunden. Doch auch sie hatte schon die dritte email an den urlaubigen Dr. T. geschrieben. Trotzdem versprach sie mir, sich weiter um ihn zu bemühen. Unverichteter Dinge marschierte ich zurück zum Hotel. Den Weg säumten Handlungsfragen zur neuen unerwarteten Sachlage. „Was, wenn ich Dr. T. heute nicht spreche? Soll ich morgen meinen Flug nach Hause antreten oder nicht? Soll ich einfach hier bleiben auf die Gefahr hin, dass der zugesandte OP-Bericht doch seine Meinung geändert hat? Weilen oder fahren, Sophie?“
Als ich sofort nach Ankunft im Hotelzimmer eine email an Dr. T. dabei war zu verfassen, leuchtete plötzlich mein Posteingang auf. Sie haben Post. Ich wechselte hinüber und brach in Freude über den Absendernamen aus: ‚Dr. T.‘ blinkte mich in frisch fetten Lettern an. Ich lechzte nach den elektronischen Buchstaben. Die aufgestaute Spannung des Tages veranlasste mich zeitsparend quer zu lesen und die wichtigsten Stellen heraus zu filtern. Zeit-raffffffffffff-ung voraus.
„Sophie,
after detailed review of all information, I believe it is worth a try for evisceration and auto transplantation. I would expect to move forward when you are ready, and Wednesday is available now. (…) We should however be prepared to move forward with multivisceral transplantation. Although not likely, it is possible that we would move ahead with autotransplant, and this would fail, leaving you with the acute need to move into the multivisceral transplant, as the second line option. (…) Sorry I did not call earlier to discuss, as the holiday was busy. Please let me know if you have more questions or if you can make a decision with this information.
Sincerely, Dr. T. “
Als meine Augen sich anschickten, die Zeilen auf ein Zweites, doch en détail von oben nach unten abzutasten, klingelte das Hoteltelefon. „Jetzt ist aber etwas los“, dachte ich mir. So mag ich es. Natürlich war es Dr. T.. Er wiederholte den bereits bekannten Inhalt seiner schriftlichen Nachricht. Ich brachte das Neuartige mit.
„Dr. T., my family and me discussed yesterday on the phone about what to do. And I’ve taken a decision. I want to try the resection with possible auto-transplant. Though success is not guaranteed at all, I want to grasp that option. In the last resort, if the surgery fails entirely, I could still do the multivisceral transplantation.”
Raus war er, der Schatten der Entscheidung. Weg war sie. Weg war die Entscheidung, die Richterin der Zukunft. So wie sie gekommen war, ist sie auch gegangen: auf letztlich verwundernd leisen Sohlen ist sie wieder weg getappt. „Ja wirklich.“, wunderten sich meine Gedanken über die Zeitläufte. „Wirklich weg. Sie ist wirklich weg.“ Ich triumphierte.