Frühe Schriften II: Verschleiß, doch kein Verfall

Dezember 2007.

Ich blicke in den Badezimmerspiegel: Linien in der Haut, drei lange oben waagrecht auf der Stirn, drei vertikale auf dem Nasenbein, zwei halbovale links und rechts über dem Mund. Ich schaue an mir herunter, starre erst auf den blauen Badezimmerteppich, um noch einige Sekunden zu gewinnen, lasse dann jedoch meine Augen diszipliniert zu meinen Zehen und weiter nach oben wandern. Ich inspiziere – untersuche mit medizinischer Schulung meinen Körper: sich kringelnde Krampfadern, zwar kleine, jedoch schwarmartige  Schwangerschaftsstreifen , ausgeleierter Hintern, schlaffe, hängende Brüste, geäderte Unterarme und Hände wie bei einer Drogenabhängigen.

Nicht zu sprechen von dem centgroßen, kantigen, unnatürlichen Hügel links über der Brust. Dieser Hügel lässt die chemischen Stoffe und allerlei andere Flüssigkeit direkt in die große Vene fließen. Der Hafeneingang zu meinem Blutkreislauf: mein Port. Nicht zu sprechen von den dazu passenden zwei fünf Zentimeter langen Vertikalen, eine frische rote links zwischen Brust und Schlüsselbein, eine schon verwachsene hellrosafarbene rechts zwischen Brust und Schlüsselbein. Erstere springt in roter Signalfarbe seit einem halben Jahr ins Gesicht, Letztere trage ich ungefähre zwanzig Jahre.  „Na ja“, denke ich mir, „wenigstens symmetrisch. Wenigstens bin ich nun symmetrisch links und rechts geschnitten.” Soviel zu den Vertikalen.Denn auch nicht zu sprechen von der einschneidenden Horizontale am Bauch, die meinen Körper in zwei symmetrische Hälften teilt. Wie eine Paketschnur, die waagrecht über meinen Nabel gelegt, beidseitig hinter mir angezogen, am Rücken mit aller strengen Kraft verknotet und nie mehr losgelassen wurde, so dass das Bauchfett sich daran gewöhnt hat, nach oben und nach unten verdrängt zu sein. Wieder einmal, wie schon so oft, die bedauerliche, aber hinnehmbare Erkenntnis, dass ich im letzten halben Jahr um sachlich geschätzte fünf Jahre gealtert bin. Fünf Jahre auf sechs Monate, ohne weibliches Schlechtreden, mit dem neutralen kühlen Blick der Medizin. Demnach ist mein Körper jetzt 27 Jahre alt. Dabei allerdings nicht dem Verfall, als vielmehr dem Verschleiß anheim gefallen. Ja, ich muss es mir eingestehen: Ich hatte zum Verschleiß und dabei mitunter zum völlig nutzlosen, sinnlosen, jeden menschenverachtenden  Nihilisten und jeden schadenfreudigen Zyniker ergötzenden Verschleiß meines Körpers zugestimmt, weil ich denjenigen Glauben schenkte, die den Verfall in meinem Bauchinneren geortet zu haben ach so gewiss sind. Ich hatte der Chemotherapie zugestimmt. Denn Verschleiß, so die Annahme, ist ohne Frage dem Verfall vorzuziehen. Eine grundsätzlich zutreffende Annahme. Indes – mein Körper verfällt nicht in seiner Mitte, er verändert nur die Raumaufteilung, was zwar nicht willkommen zu heißen, jedoch nicht als Verfall zu werten ist. Deshalb hatte die Chemotherapie auch keinen Erfolg gezeitigt, ja war sie a priori zum Scheitern verurteilt. Wäre mein Tumor Verfall und nicht Verschleiß, wäre Ich der Verfall. Denn was in mir die Raumbewegung vorantreibt und was von einigen als Verfall ausgemacht wurde, das gehört zu mir. Das ist ein Teil von mir. Das bin schlechterdings Ich. Und dieses Ich weigert sich als Verfall zu gelten, weil es nicht nur überzeugt ist, sondern weil es spürt, nein – vielmehr: weiß, dass es nicht verfällt.

Dies ist meine Geschichte. Eine Geschichte des Verschleißes und einer als Verfall deklarierten, als Verfall geglaubten, nach misslungener Chemotherapie jedoch als Verfall verworfenen Veränderung. Einer wortwörtlich wie auch im übertragenen Sinne raumgreifenden Veränderung. In mir und von mir. Und das erst schleichend über die letzten zwei, drei, untersuchtermaßen höchstens vier Jahre hinweg, dann sich beschleunigend bis zum entdeckten Einbruch vor nun genau einem halben Jahr. Seitdem weitere Raumausdehnung und intendierte, da erkanntermaßen existenziell erforderliche Entschleunigung: Raum und Zeit, wie ich sie wahrnehme und moduliere, in ebengleichen Wandel wie ich, meine Begleiter auf meinem Weg. Dies ist meine Geschichte.

Advertisement

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Connecting to %s


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.