Frühe Schriften III: Ins wahre Leben geworfen

Juli 2008. 

Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Weder zum eindeutig Guten noch zum Bösen hat sich in medizinischer Perspektive meine Krankheit bislang entwickelt, weder mit einem Happy End kann ich daher dem Leser aufwarten noch mit dem sicheren Tod sein Mitleid erregen. Ich stecke mittendrin in einer Realität, die mich das erste Mal als Dreijährige ereilte, dann für knapp zwanzig Jahre entschwunden war und den Schleier der Normalität sich über mein trautes kleines Leben legen ließ. Schließlich kam der erneute Realitätseinbruch vor einem Jahr – und mit ihm die Erkenntnis, dass die Realität mich mein Lebtag nicht mehr verlassen wird. 

Nicht die Normalität, nicht die Gesundheit ist das Reale, sondern das für Andere anders Seiende, die Krankheit. Wirklichkeit in ihrer puren Essenz: Das reine, tiefe, intensive, spürbare, weil herausfordernde Leben ist für mich die Krankheit. Es is nicht derjenige Zustand, der in unserer Zeit als höchstes Gut gepriesen und als neue Religion betrieben wird, als deren Götze der gesunde, nur dann als ganz angesehene Körper aufragt. Die Krankheit als wirkliches Leben zu betrachten, frönt dabei nicht der Schönrederei einer Situation, die auf Grund ihrer Schicksalhaftigkeit zum eigentlichen Wert stilisiert wird. Schönreden, was ohnehin nicht zu ändern ist? Ich bezweifle das. Denn natürlich, ja mehr als natürlich tauschte ich die jetzige Realität, zu der mir meine Krankheit ungefragt verhilft, ohne das kleinste Zögern gegen die watteweiche, flaumige Normalität ein und zöge ich ein Leben in Gesundheit meinem jetzigen Leben vor – ein Leben, das aus dem Bauch heraus dirigiert und unkalkulierbar gemacht wird.  

Doch nichtsdestotrotz ist dieses Leben, das ich nun seit einem Jahr wieder zu führen begonnen habe, realer, voller, ganzer, ja paradoxerweise: heiler, als mein Leben in Gesundheit je gewesen war. Ich wurde in die tiefste Wirklichkeit im besten Heideggerschen Sinne: geworfen und – um mit einem weiteren philosophischen Versatzstück um mich zu schmeißen – habe nun nicht mehr die geringste Wittgensteinsche Ahnung, wie man fortfährt.

Ich bin zwar im Fluss der Dinge, doch ist dies kein eingeebnetes, gleichbleibend dahinsiechendes, tröpfelndes Wasser, sondern ein Meer mit Ebbe und Flut, mit Hebungen und Senkungen, mit Extrema anstelle von Stetigkeit. Auch wenn ich in diesem Meer verloren bin, so spüre ich das Salz auf meiner Haut mit einer Intensität, als ob es sich durch die äußere Schicht in meinen Körper einätzte, einbrannte, einflößte. Denn hatte ich einmal angefangen, in Kategorien von Leben und Tod zu denken, ist das saure Salz, das prickelnde Pulsieren, die wahre Wirklichkeit unweigerlich über mich herein gebrochen. Es ist mit mir geschehen, die Realität hat mich ergriffen und nicht umgekehrt, ich hatte keine Wahl. Keine Leistung ist mir deshalb anzurechnen. Nichtsdestoweniger mache ich vom Wirklichen mit aller Kraft Gebrauch, ich erlebe das Reale und fühle mich dadurch am Leben. So wie in meinem Inneren das Blut durch meinen Tumor strömt, so pulsiert das wahre Leben in mir.

Denn ich bin zu mir zurückgekehrt. Zum Anfang meiner Kindheit, als ich das erste Mal mit dem Tumor konfrontiert war und das erste Mal das medizinische Programm von Chemotherapie bis zur Operation absolvierte. Ein Stückchen Tumor war damals übrig geblieben, da er sich nicht von meinem Gewebe hatte loseisen lassen wollen. Friedfertig hat er sich sein kleines Plätzchen in meinem Bauch eingerichtet, hat sich eingenistet und sanftmütig geruht, bis er von den pubertären Hormonen geweckt wurde. Seitdem wächst er, wenn auch langsam, so doch kontinuierlich und hat immer mehr Raum ergriffen. So viel Raum, bis es anfing, öfter und schlimmer als sonst zu schmerzen in meinem Bauch. Dann der Weg ins Krankenhaus und – zack! – mein ach so scheinbar normales Leben fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen und ich bekam es mit der Realität zu tun. Mit der gleichen Realität, die ich zwanzig Jahre zuvor bereits um mich hatte und die mich nun wieder zu mir selbst zurückgeführt hat. So hilflos, wie ich durch sie wieder geworden bin, so nah fühle ich mich dem Leben und so sehr empfinde ich mich als Ich. Denn der Tumor war immer ein Teil von mir, war immer in mir, war deshalb immer meine Realität. So sehr ich meinen Tumor hasse, so kann ich nicht umhin, ihn auch zu lieben.

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