Frühe Schriften I: Fallen und aufstehen

Juli 2007. Im Toaster.

Ein Schwenk aus meiner Realität gefällig?

Der Toaster: die Patientenfabrik. Ein kolossaler, in den Raum geworfener Kasten am Rande meiner Heimatstadt, der neben den zierlichen Wohnhäusern mit akkurat gestutzten Hecken und scheußlichen Gartenzwergen nicht nur von einer anderen Welt zu sein scheint, sondern diese andere Welt auch in sich beherbergt. Auf der einen Seite das heile Leben mit spielenden Kindern im ordentlich gepflegten Vorgarten, auf der anderen Seite die  gigantische Heilsmaschinerie namens Krankenhaus. Eine ganz andere Welt, eine Welt für sich, ein Mikrokosmos mit stark hierarchischen Strukturen und klar definierten Funktionen, deren erste die Verlängerung der Lebenszeit oder besser: der Aufschub des Todes ist. Hier auf der onkologischen Station, so kühl sie auch gehalten sein mag, so freundlich auch die Ärzte und Schwestern drein blicken mögen, so aufmunternd auch die als ‚gesund‘ geltenden Besucher mit den Köpfen zunicken, ist der Tod überall spürbar, ja sitzt er geradezu auf der Bettkante. All diese Menschen mit kahlen Köpfen, abgemagerten Körpern und eingefallenen Gesichtern, die im Zeitlupentempo über den Gang schlurfen. Manche davon mit einer Mimik, die nur mehr die Furchen der Mühsal, jedoch keine noch so schmalen Spuren von Mut ausdrückt.

Und ich, Anfang zwanzig, gerade aus Singapur zurückgekommen und nun für ein paar Wochen in Wien arbeitend, mitten drin. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Das junge Leben auf Station mit wandelnden Leichen. Na bravo, könnte nicht besser sein. Und neben mir auch noch ein quengelndes Sensibelchen um die sechzig, die sich nur von Schmerzmitteln zu ernähren scheint und die Schwestern mit allerlei Sonderwünschen im Stundentakt terrorisiert. Ich liege starr auf meinem Bett und versuche mich so wenig als möglich zu regen, damit mein Bauch und meine nun aufgefrischte Narbe sich von der gestrigen Operation erholen können. So bleibt nur der Blick aus dem Fenster, doch auch dieser ein einziges Trauerspiel: Was sich die Klinikleitung wohl dabei dachte, die onkologische Station im Tiefparterre mit Fensterblick auf einen überwucherten Hügel anzusiedeln. Die einzig evidente Antwort: Damit sich die leichenblassen Gestalten schon einmal an die Dunkelheit und die Erde gewöhnen. Ich muss hier so schnell als nur irgend möglich raus! Die Ärzte wollen mich mindestens acht Tage in diesem Gefängnis halten, da schaffe ich es als Stehaufmännchen wohl in vier oder fünf, denn so schnell ich mich körperlich wie psychisch in einem tiefen Loch befinde, so schnell springe ich auch wieder heraus. Diese Fähigkeit, auch noch so herbe Schläge hinzunehmen, zu akzeptieren lernen und ihnen in aufrechter Positur mit der Kraft der Gewohnheit das Leben abzutrotzen sollte mir noch einige Male zu Gute kommen. Fallen, aufstehen, fallen, aufstehen, fallen, aufstehen – und sich dabei das Lebendige bewahren.

Das Lebendige bewahren? Schlauer Spruch, doch wie das? Aus dem Vollen lieben, leiden und leben! Nur aus dem Vollen, ganz oder gar nicht, hoch oder tief. Dabei zwar die Balance zumindest als anzustrebendes Ziel nicht aus dem Auge verlieren, doch ebenso schwelgen und genießen wie ertragen und aushalten. Selbst im Krankenhaus, nein: gerade dort! Zwei Tage später kommt aus Belgien angereist der Mann, den ich in Singapur lieben lernte.  

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