29. November 2009 – Warten auf den Antagonist

Washington DC.

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Eine junge strahlende Frau aus Europa sitzt mit ihrem Laptop, einem Cappuccino und einem Yoghurt Parfait im Museumscafé der National Portrait Gallery in der amerikanischen Kapitale. Sie saugt die Ruhe und Inspiration des geschichtlich eingefärbten, jedoch von einer modernen Stahlkonstruktion bedachten Ortes ein. Er ist ideal in eine Stadt eingebettet, die sich durch ihr Bezeugen von Geschichte und ihre räumliche Großzügigkeit auszeichnet. Die Sonnenstrahlen, die durch das wellenartig geschwungene Glasdach in den geschützten Innenhof gelangen, nähren die satt grünen, zufriedenen Bäume und nähren die wohlig lächelnde, zufriedene Frau. Als könnte nicht schon allein die historisch sublime, zeitgemäß designte, natürlich rhythmisierte Atmosphäre dieses dialektisch offen-geschlossenen Raumes die Zeit außer Kraft und die Frau in eine andere Welt ver-setzen, wird auch noch ihr Hörsinn von einer leise untermalenden Jazzmelodie liebkost. Neben ein paar flüchtig verteilten Museumsbesuchern und hinter Bücherstapeln verschwindenden Kunststudenten fühlt sie sich in bester Gesellschaft. Sie genießt das zum Denken nötige Alleinsein in attraktiv anonymer Gemeinschaft mit kreativer Eingebung des öffentlichen Raumes. Sie nascht von der urbanen Blasiertheit ihrer Mitmenschen, die sie contra alle Simmelschen Bedenken preist. Denn diese gleiche Gleichgültigkeit der anderen Urbanisten umhüllen ihre wertvollen Gedankenflüge wie ein Schutzwall, so dass sie die mögliche Abstumpfung gegenüber den dinglichen Verschiedenheiten gerne in Kauf nimmt. Kurzum: Die junge heitere Frau aus Europa kann in diesem versteckten amerikanischen Denkparadies ihre Lebensfreude entfalten und entfaltet meisterlich. Sie weiß sich am richtigen Ort, atmet seine Schönheit in tiefen Zügen ein. Sie schwelgt in der perfekten Kombination aus äußerer Sinnesreizung und sich innerlich kräuselndem Gedankenschaum.

Der Antagonist – und hier kommt der angekündigte Kontrast ins Spiel – zu dieser idyllischen Raum-Zeit-Konstellation steckt in ihr selbst. Er wartet auf sie und sie wartet auf ihn. Er wartet darauf, dass sie sich nach diesen sinnenfreudigen Ausflüchten in den real umgebenden Garten Eden seiner wieder besinnt. Sein Geltungsbedürfnis wird von der Raum-Zeit-Perfektion dieses leisen Sonntagnachmittags in diesem epochenverbindenden Museum in dieser trauten Weltstadt unterjocht.

Sie hingegen wartet darauf, dass er just nach diesem einsamen Wochenende des Flanierens und urbanen Sich-Treiben-Lassens – Baudelaire, Benjamin, Baudrillard lassen grüßen – tatsächlich wieder voll zur Geltung kommt. Im Gegensatz zum Antagonist ihres momentanen Daseins im Eldorado wartet sie auf die Zukunft des Morgen, nicht auf die Verwirklichung seines Geltungsanspruchs im Heute. Ein sonntäglicher Aufschub wird wohl genehm sein. Morgen ist, dies kann sie glücklicherweise noch gültig prophezeien, auch noch ein Tag. Sie wartet deshalb auf ihn ab morgen: Der Antagonist soll erst ab morgen wieder in volle Erscheinung treten.

Sie wartet auf das morgige Vorbereitungsgespräch mit Dr. T. im Kühlschrank, in welchem alle Eventualitäten des befreiend entschiedenen Unterfangens – Diabetes, intravenöse Ernährung, abgängige Organe – abgeklärt werden. Sie wartet auf das ersehnte Eintreffen ihrer Mutter am gleichen Tage, die das langsam zersetzende Duo der Einsamkeit und der Langeweile vertreiben wird. Sie wartet auf weitere prä-operative Prozeduren – das englische ‚procedures‘ ist doch ein allzu treffendes Wort für die untersuchungstechnische  Menschenschikane – in den nächsten zwei Tagen. Und letztlich wartet sie auf den großen Tag des kommenden Mittwochs. Wieder einmal ein großer Tag. Seit dem letzten ist schließlich erst ein halbes Jahr vergangen, seit dem vorletzten schließlich erst zwei Jahre ins Land gezogen. Die junge heitere Frau im elysischen Innenhof des mustergültig geführten und ausgestatteten Nationalmuseums befindet sich in einer unsichtbaren Wartestellung, die in Diskrepanz sowohl mit der äußeren Idylle als auch ihrer lächelnden Gelassenheit steht.

Das Warten ist grundsätzlich ihre Sache nicht, weshalb sie die Zeit seit ihrer mitgeteilten Entscheidung vor zwei Tagen auch mit großstädtisch begünstigtem Aktivismus vertrieben hat. Doch in diesem Sonntagsparadies ist das Warten eigentümlich einfach zu ertragen. Ja, sogar wohl tuend ist das Warten in diesem Hier und Jetzt, es läuft nervenanregend angenehm den Rücken hinunter wie bei einer Ganzkörpermassage. Die Zeitraffung der Geschehnisse, die mit ihrem Eintauchen in den amerikanischen Traum vor genau einer Woche eingesetzt hatte, hat ihr doch zugesetzt. Das heutig-hiesige Warten entspannt sie und löst alle kühlschränklichen Verspannungen. Zwar weiß sie um das Warten des Antagonisten auf sie, weiß sie um seinen glühenden Wunsch der reflexiven Rückfokussierung, doch kann dieses Wissen ihrer momentanen Muße nichts anhaben. Erst ab morgen wird es umgesetzt werden. Bis dahin gilt es, das Lebensfreudereservoir zu pflegen. Es wird heute nur allzu schnell gefüllt. Denn dies ist eine der seltenen Raum-Zeiten in ihrem Leben, in der sie sie sich innerlich derart friedlich fühlt, dass sie ganz bei sich sein kann.

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