30. November 2009 – Das Trio der T’s

Washington DC.

Das T auf meinem Bauch wird in zwei Tagen wieder aufgeschnitten werden. Es leuchtet mich schon heute hellrosa und in heißer Erwartung an, drängt seine interne Seite  im Trio der T‘s doch allzu sehr gegen die Innenwand und lässt das T auf meinem Bauch sich schmerzhaft spannen. Mein innerlicher Tumor ist nur das Revers der oberflächlichen t-förmigen Narbe: Beide strecken sich aus.

Auch das zweite T im Trio der T’s ist bereits in seine heiße Phase eingetreten, hat sich das Leben doch wieder einmal daran gemacht, mich zu testen. Wie in den vorher gehenden Operationen, Chemotherapien, Bestrahlungen und sonstigen Intensivbehandlungen, deren punktuelle Gegenteiligkeit zur monatelangen Zähigkeit von medikamentösen Versuchen oder eher: Irrtümern ich eindeutig bevorzuge, liegt das unbeschriebene weiße Testblatt fein säuberlich vor mir. Der Schicksalsstift, den ich in zwei Tagen in die Hand nehmen werde, ist sorgsam nebenan angereiht.

Der Bewährungstest, der vor mir auf dem kleinen Einzeltischchen noch ruhig schläft, ist gleichzeitig Versuchung und Angstmacher. Einerseits reizt er mich, endlich erlösend aktiv zu werden und das T namens Tumor zu malträtieren. Andererseits ist das weiße Testblatt doch nicht davor gefeit, kommenden Mittwoch in weinrotfarbenes Blut getränkt zu werden. Zwar bin ich guter Dinge, die Bewährungsprobe zu überleben, doch gibt sich mein Ehrgeiz nicht mit einer durchschnittlichen Note zufrieden. Er will die Eins mit Stern. Er will das T des Tumors durchstreichen und billigt dafür sogar das Ausradieren von lebensentbehrlichen Organen. Er will lieber ein Leben als Diabetikern mit eventueller Notwendigkeit von zusätzlicher intravenöser Ernährung als das T des Tumors noch länger sich als groß gezogener Letter auf meinem Bauche sich recken zu lassen. Er will lieber ein neues Leben mit neuen Alltagshürden als das T des Tests nicht perfekt schwungvoll zu schreiben und mit Verve zu bestehen.   

Denn mein Lebensehrgeiz fordert ein neues T ein. Das alte ist auch wirklich allzu häßlich. Das Dach des T’s, das sich aus meinen Augen betrachtet knapp über dem Bauchnabel von linker bis rechter Taille erstreckt, wurde nach seiner Grundsteinlegung im Alter von drei Jahren zweimal erneut rekonstruiert, dabei allerdings naturgemäß eher abgetragen als saniert. Sein senkrechtes Standbein, das unter der Brust zwischen den Rippen ansetzt und über den Bauch hinab in das horizontale Dach über dem Nabel mündet, hat das T erst vergangenen Juli angebaut bekommen. Doch denke der Leser nicht, dieses Standbein sei akkurat vertikal errichtet worden, wie der Laie es von einer auf Präzision ausgerichteten Chirurgie erwarten würde. Das Standbein des T’s lehnt sich wie der Turm von Pisa instabil nach der linken Seite hin. Auch entspricht es nicht nur nicht dem geometrischen Schönheitsideal von geraden Linien. Die Fassade des Standbeins des T’s bröckelt nach beiden Seiten hin und bröckelt umso kleinteiliger, je stärker das T des Tumors von innen gegen sein genarbtes und gefranstes Gegenstück nach außen drückt.

Die Kombination aus drückendem und bröckelndem T, aus raum-begehrendem Tumor und sich folglich immer breiter ziehendem Narbenhaus, kurz:  aus innerem und äußerem T lässt das T des Tests umso willkommener werden. Ich will ein neues T auf meinem Bauche. Ich will ein neues T in meinem Bauche. Ich will das alte schiefe, zum früheren oder späteren Einsturz verdammte Narben-T einreißen und ein neues errichten. Ich will dem alten subversiven, zur früheren oder späteren Gegenwehr verdammten T des kindlichen Tumors so sehr zusetzen, dass er bestenfalls freiwillig das Feld räumt oder zweitbestenfalls einen Waffenstillstand eingeht.

Denn prinzipiell ist er mir in den letzten zwanzig Jahren ein lieb gewonnener Begleiter gewesen, doch kann ich seine Aufsässigkeit nicht dulden. Seine neuerliche Freundschaft mit dem dritten T im Bunde der drei T’s, dem T des Todes hat meine Eifersucht geweckt. Im Widerspiel habe ich mich mit dem T des zu bewährenden Tests befreundet. Eine vor Eifersucht rasende junge Frau kann sich leicht als Heroin gerieren. Das hätte das T des Tumors früher bedenken sollen. Die junge Furie will ein neues T auf und in ihrem Bauche. Sie will das dritte T im Trio der T’s wieder in der Ecke des angemessenen Aufschubs sehen: der Tod wird erst in ein paar Jahrzehnten geladen. Sie erwartet deshalb nicht nur die heutige Ankunft ihrer Frau Mama mit natürlicher Vorfreude. Sie ersehnt entschlossen das amerikanische Wagnis in zwei Tagen. Das amerikanische Wagnis, das die Riege der drei T’s wieder in Ordnung bringen soll. Das befreundete Testblatt vor ihr schreit sie weiß an, so dass sie sich zügeln muss, sich nicht am Schicksalsstift zu verbrennen. Sie wird ihn in zwei Tagen zu einem gloriosen T ansetzen.        

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