1. Dezember 2009 – Nach Bestärkung: lautloses Verschwinden

December 2, 2009

Washington DC.

Heute morgen noch einmal im Beisein meiner Frau Mama Dr. T.‘s Mahagonitisch mit intensiven Konjunktiven überworfen. Sie konnte beim unwahrscheinlichen, doch möglichen worst-case-Szenario einer misslungenen Auto-Transplantation meiner eigenen Leber, in Folge des Abgangs dergleichen ich mit klaffender Höhle auf der Schneide einer sofortigen Fremdleber stünde , ihre Tränen nicht zurück halten. Auch habe ich dieses eine Mal ihrer partiellen Verständnisschwierigkeiten im Englischen meinen ehrlichen Dank ausgesprochen, hatte sie doch sonst schon genug ehrliche Worte abgekommen. Doch in toto hielt sie sich sehr gut und konnte mir nach Ende der Sitzung eine Einschätzung Dr. T.s liefern. Sie war die Erste, die mein eigenes Bauchgefühl gegenüber und meine alleinige Entscheidung für Dr. T. um eine vertraute Meinung bereicherte. Denn so allein ich die Entscheidung vor einer Woche eingelassen hatte und so allein ich die folgenden Tage ihren lauernden Schatten hinterrücks herum getragen hatte, so allein habe ich sie letztlich auch wieder vertrieben. Heute wurde das Allein-Agieren das erste Mal durchbrochen. Ihre Würdigung Dr. T.s als nicht nur ausnehmende Persönlichkeit – was seine Stellung quasi zwangsläufig erwarten lässt –, sondern auch als menschlicher Operateur beruhigte mich denn auch. Zwar wäre ich auch im Wissen um eine Skepsis gegenüber desjenigen Mannes, der das zweimal gescheiterte Unterfangen zum Erfolg zu führen sich aufbürdet, das morgige Wagnis eingegangen. Die Alleinkämpferin wäre trotz Bedenken von Vertrauten ihrer eigenen inneren Stimme gefolgt. Doch ist sie durch die Bestätigung von Seiten ihrer Frau Mama der nicht allzu dunklen Aussicht, ja vielmehr der hellen Erfolgschance des Abenteuers stärker gewiss.

Nach dieser kräftigenden Bescheinigung meines guten Gefühls gegenüber und mit Dr. T. nur mehr letzte prä-operative Untersuchungen, letzte Walking-Runde am Lincoln Memorial, letzte tiefe Atemzüge im bissigen Wind des sich in den Winter werfenden Washingtons. Ich weiß nicht, wann ich diesen Wind das nächste Mal in meinem Gesicht spüren werde und weiß deshalb auch nicht, wann ich mich wieder des Schreibgriffels bedienen kann. Erst einmal muss der Schicksalsstift zu einem schwunghaften, gelungenen, erneuerten T geführt werden. Ich verschwinde daher lautlos für unbestimmte Zeit, was ich mangels Bescheidenheit, indes auf Grund von Erfahrung mittlerweile meisterlich zu vermögen angebe. Doch kann ich dem Leser garantieren, dass ich bis zu meiner Wiederkehr den Schicksalsstift, den ich morgen eifrig ergreifen werde, noch krampfhafter in meiner Hand halten werde als meinen getreuen Schreibgriffel, dessen Erzeugnis diese Lettern sind.

30. November 2009 – Das Trio der T’s

November 30, 2009

Washington DC.

Das T auf meinem Bauch wird in zwei Tagen wieder aufgeschnitten werden. Es leuchtet mich schon heute hellrosa und in heißer Erwartung an, drängt seine interne Seite  im Trio der T‘s doch allzu sehr gegen die Innenwand und lässt das T auf meinem Bauch sich schmerzhaft spannen. Mein innerlicher Tumor ist nur das Revers der oberflächlichen t-förmigen Narbe: Beide strecken sich aus.

Auch das zweite T im Trio der T’s ist bereits in seine heiße Phase eingetreten, hat sich das Leben doch wieder einmal daran gemacht, mich zu testen. Wie in den vorher gehenden Operationen, Chemotherapien, Bestrahlungen und sonstigen Intensivbehandlungen, deren punktuelle Gegenteiligkeit zur monatelangen Zähigkeit von medikamentösen Versuchen oder eher: Irrtümern ich eindeutig bevorzuge, liegt das unbeschriebene weiße Testblatt fein säuberlich vor mir. Der Schicksalsstift, den ich in zwei Tagen in die Hand nehmen werde, ist sorgsam nebenan angereiht.

Der Bewährungstest, der vor mir auf dem kleinen Einzeltischchen noch ruhig schläft, ist gleichzeitig Versuchung und Angstmacher. Einerseits reizt er mich, endlich erlösend aktiv zu werden und das T namens Tumor zu malträtieren. Andererseits ist das weiße Testblatt doch nicht davor gefeit, kommenden Mittwoch in weinrotfarbenes Blut getränkt zu werden. Zwar bin ich guter Dinge, die Bewährungsprobe zu überleben, doch gibt sich mein Ehrgeiz nicht mit einer durchschnittlichen Note zufrieden. Er will die Eins mit Stern. Er will das T des Tumors durchstreichen und billigt dafür sogar das Ausradieren von lebensentbehrlichen Organen. Er will lieber ein Leben als Diabetikern mit eventueller Notwendigkeit von zusätzlicher intravenöser Ernährung als das T des Tumors noch länger sich als groß gezogener Letter auf meinem Bauche sich recken zu lassen. Er will lieber ein neues Leben mit neuen Alltagshürden als das T des Tests nicht perfekt schwungvoll zu schreiben und mit Verve zu bestehen.   

Denn mein Lebensehrgeiz fordert ein neues T ein. Das alte ist auch wirklich allzu häßlich. Das Dach des T’s, das sich aus meinen Augen betrachtet knapp über dem Bauchnabel von linker bis rechter Taille erstreckt, wurde nach seiner Grundsteinlegung im Alter von drei Jahren zweimal erneut rekonstruiert, dabei allerdings naturgemäß eher abgetragen als saniert. Sein senkrechtes Standbein, das unter der Brust zwischen den Rippen ansetzt und über den Bauch hinab in das horizontale Dach über dem Nabel mündet, hat das T erst vergangenen Juli angebaut bekommen. Doch denke der Leser nicht, dieses Standbein sei akkurat vertikal errichtet worden, wie der Laie es von einer auf Präzision ausgerichteten Chirurgie erwarten würde. Das Standbein des T’s lehnt sich wie der Turm von Pisa instabil nach der linken Seite hin. Auch entspricht es nicht nur nicht dem geometrischen Schönheitsideal von geraden Linien. Die Fassade des Standbeins des T’s bröckelt nach beiden Seiten hin und bröckelt umso kleinteiliger, je stärker das T des Tumors von innen gegen sein genarbtes und gefranstes Gegenstück nach außen drückt.

Die Kombination aus drückendem und bröckelndem T, aus raum-begehrendem Tumor und sich folglich immer breiter ziehendem Narbenhaus, kurz:  aus innerem und äußerem T lässt das T des Tests umso willkommener werden. Ich will ein neues T auf meinem Bauche. Ich will ein neues T in meinem Bauche. Ich will das alte schiefe, zum früheren oder späteren Einsturz verdammte Narben-T einreißen und ein neues errichten. Ich will dem alten subversiven, zur früheren oder späteren Gegenwehr verdammten T des kindlichen Tumors so sehr zusetzen, dass er bestenfalls freiwillig das Feld räumt oder zweitbestenfalls einen Waffenstillstand eingeht.

Denn prinzipiell ist er mir in den letzten zwanzig Jahren ein lieb gewonnener Begleiter gewesen, doch kann ich seine Aufsässigkeit nicht dulden. Seine neuerliche Freundschaft mit dem dritten T im Bunde der drei T’s, dem T des Todes hat meine Eifersucht geweckt. Im Widerspiel habe ich mich mit dem T des zu bewährenden Tests befreundet. Eine vor Eifersucht rasende junge Frau kann sich leicht als Heroin gerieren. Das hätte das T des Tumors früher bedenken sollen. Die junge Furie will ein neues T auf und in ihrem Bauche. Sie will das dritte T im Trio der T’s wieder in der Ecke des angemessenen Aufschubs sehen: der Tod wird erst in ein paar Jahrzehnten geladen. Sie erwartet deshalb nicht nur die heutige Ankunft ihrer Frau Mama mit natürlicher Vorfreude. Sie ersehnt entschlossen das amerikanische Wagnis in zwei Tagen. Das amerikanische Wagnis, das die Riege der drei T’s wieder in Ordnung bringen soll. Das befreundete Testblatt vor ihr schreit sie weiß an, so dass sie sich zügeln muss, sich nicht am Schicksalsstift zu verbrennen. Sie wird ihn in zwei Tagen zu einem gloriosen T ansetzen.        

29. November 2009 – Warten auf den Antagonist

November 29, 2009

Washington DC.

Der Kontrast könnte größer nicht sein. Eine junge strahlende Frau aus Europa sitzt mit ihrem Laptop, einem Cappuccino und einem Yoghurt Parfait im Museumscafé der National Portrait Gallery in der amerikanischen Kapitale. Sie saugt die Ruhe und Inspiration des geschichtlich eingefärbten, jedoch von einer modernen Stahlkonstruktion bedachten Ortes ein. Er ist ideal in eine Stadt eingebettet, die sich durch ihr Bezeugen von Geschichte und ihre räumliche Großzügigkeit auszeichnet. Die Sonnenstrahlen, die durch das wellenartig geschwungene Glasdach in den geschützten Innenhof gelangen, nähren die satt grünen, zufriedenen Bäume und nähren die wohlig lächelnde, zufriedene Frau. Als könnte nicht schon allein die historisch sublime, zeitgemäß designte, natürlich rhythmisierte Atmosphäre dieses dialektisch offen-geschlossenen Raumes die Zeit außer Kraft und die Frau in eine andere Welt ver-setzen, wird auch noch ihr Hörsinn von einer leise untermalenden Jazzmelodie liebkost. Neben ein paar flüchtig verteilten Museumsbesuchern und hinter Bücherstapeln verschwindenden Kunststudenten fühlt sie sich in bester Gesellschaft. Sie genießt das zum Denken nötige Alleinsein in attraktiv anonymer Gemeinschaft mit kreativer Eingebung des öffentlichen Raumes. Sie nascht von der urbanen Blasiertheit ihrer Mitmenschen, die sie contra alle Simmelschen Bedenken preist. Denn diese gleiche Gleichgültigkeit der anderen Urbanisten umhüllen ihre wertvollen Gedankenflüge wie ein Schutzwall, so dass sie die mögliche Abstumpfung gegenüber den dinglichen Verschiedenheiten gerne in Kauf nimmt. Kurzum: Die junge heitere Frau aus Europa kann in diesem versteckten amerikanischen Denkparadies ihre Lebensfreude entfalten und entfaltet meisterlich. Sie weiß sich am richtigen Ort, atmet seine Schönheit in tiefen Zügen ein. Sie schwelgt in der perfekten Kombination aus äußerer Sinnesreizung und sich innerlich kräuselndem Gedankenschaum.

Der Antagonist – und hier kommt der angekündigte Kontrast ins Spiel – zu dieser idyllischen Raum-Zeit-Konstellation steckt in ihr selbst. Er wartet auf sie und sie wartet auf ihn. Er wartet darauf, dass sie sich nach diesen sinnenfreudigen Ausflüchten in den real umgebenden Garten Eden seiner wieder besinnt. Sein Geltungsbedürfnis wird von der Raum-Zeit-Perfektion dieses leisen Sonntagnachmittags in diesem epochenverbindenden Museum in dieser trauten Weltstadt unterjocht.

Sie hingegen wartet darauf, dass er just nach diesem einsamen Wochenende des Flanierens und urbanen Sich-Treiben-Lassens – Baudelaire, Benjamin, Baudrillard lassen grüßen – tatsächlich wieder voll zur Geltung kommt. Im Gegensatz zum Antagonist ihres momentanen Daseins im Eldorado wartet sie auf die Zukunft des Morgen, nicht auf die Verwirklichung seines Geltungsanspruchs im Heute. Ein sonntäglicher Aufschub wird wohl genehm sein. Morgen ist, dies kann sie glücklicherweise noch gültig prophezeien, auch noch ein Tag. Sie wartet deshalb auf ihn ab morgen: Der Antagonist soll erst ab morgen wieder in volle Erscheinung treten.

Sie wartet auf das morgige Vorbereitungsgespräch mit Dr. T. im Kühlschrank, in welchem alle Eventualitäten des befreiend entschiedenen Unterfangens – Diabetes, intravenöse Ernährung, abgängige Organe – abgeklärt werden. Sie wartet auf das ersehnte Eintreffen ihrer Mutter am gleichen Tage, die das langsam zersetzende Duo der Einsamkeit und der Langeweile vertreiben wird. Sie wartet auf weitere prä-operative Prozeduren – das englische ‚procedures‘ ist doch ein allzu treffendes Wort für die untersuchungstechnische  Menschenschikane – in den nächsten zwei Tagen. Und letztlich wartet sie auf den großen Tag des kommenden Mittwochs. Wieder einmal ein großer Tag. Seit dem letzten ist schließlich erst ein halbes Jahr vergangen, seit dem vorletzten schließlich erst zwei Jahre ins Land gezogen. Die junge heitere Frau im elysischen Innenhof des mustergültig geführten und ausgestatteten Nationalmuseums befindet sich in einer unsichtbaren Wartestellung, die in Diskrepanz sowohl mit der äußeren Idylle als auch ihrer lächelnden Gelassenheit steht.

Das Warten ist grundsätzlich ihre Sache nicht, weshalb sie die Zeit seit ihrer mitgeteilten Entscheidung vor zwei Tagen auch mit großstädtisch begünstigtem Aktivismus vertrieben hat. Doch in diesem Sonntagsparadies ist das Warten eigentümlich einfach zu ertragen. Ja, sogar wohl tuend ist das Warten in diesem Hier und Jetzt, es läuft nervenanregend angenehm den Rücken hinunter wie bei einer Ganzkörpermassage. Die Zeitraffung der Geschehnisse, die mit ihrem Eintauchen in den amerikanischen Traum vor genau einer Woche eingesetzt hatte, hat ihr doch zugesetzt. Das heutig-hiesige Warten entspannt sie und löst alle kühlschränklichen Verspannungen. Zwar weiß sie um das Warten des Antagonisten auf sie, weiß sie um seinen glühenden Wunsch der reflexiven Rückfokussierung, doch kann dieses Wissen ihrer momentanen Muße nichts anhaben. Erst ab morgen wird es umgesetzt werden. Bis dahin gilt es, das Lebensfreudereservoir zu pflegen. Es wird heute nur allzu schnell gefüllt. Denn dies ist eine der seltenen Raum-Zeiten in ihrem Leben, in der sie sie sich innerlich derart friedlich fühlt, dass sie ganz bei sich sein kann.

Frühe Schriften III: Ins wahre Leben geworfen

November 28, 2009

Juli 2008. 

Meine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Weder zum eindeutig Guten noch zum Bösen hat sich in medizinischer Perspektive meine Krankheit bislang entwickelt, weder mit einem Happy End kann ich daher dem Leser aufwarten noch mit dem sicheren Tod sein Mitleid erregen. Ich stecke mittendrin in einer Realität, die mich das erste Mal als Dreijährige ereilte, dann für knapp zwanzig Jahre entschwunden war und den Schleier der Normalität sich über mein trautes kleines Leben legen ließ. Schließlich kam der erneute Realitätseinbruch vor einem Jahr – und mit ihm die Erkenntnis, dass die Realität mich mein Lebtag nicht mehr verlassen wird. 

Nicht die Normalität, nicht die Gesundheit ist das Reale, sondern das für Andere anders Seiende, die Krankheit. Wirklichkeit in ihrer puren Essenz: Das reine, tiefe, intensive, spürbare, weil herausfordernde Leben ist für mich die Krankheit. Es is nicht derjenige Zustand, der in unserer Zeit als höchstes Gut gepriesen und als neue Religion betrieben wird, als deren Götze der gesunde, nur dann als ganz angesehene Körper aufragt. Die Krankheit als wirkliches Leben zu betrachten, frönt dabei nicht der Schönrederei einer Situation, die auf Grund ihrer Schicksalhaftigkeit zum eigentlichen Wert stilisiert wird. Schönreden, was ohnehin nicht zu ändern ist? Ich bezweifle das. Denn natürlich, ja mehr als natürlich tauschte ich die jetzige Realität, zu der mir meine Krankheit ungefragt verhilft, ohne das kleinste Zögern gegen die watteweiche, flaumige Normalität ein und zöge ich ein Leben in Gesundheit meinem jetzigen Leben vor – ein Leben, das aus dem Bauch heraus dirigiert und unkalkulierbar gemacht wird.  

Doch nichtsdestotrotz ist dieses Leben, das ich nun seit einem Jahr wieder zu führen begonnen habe, realer, voller, ganzer, ja paradoxerweise: heiler, als mein Leben in Gesundheit je gewesen war. Ich wurde in die tiefste Wirklichkeit im besten Heideggerschen Sinne: geworfen und – um mit einem weiteren philosophischen Versatzstück um mich zu schmeißen – habe nun nicht mehr die geringste Wittgensteinsche Ahnung, wie man fortfährt.

Ich bin zwar im Fluss der Dinge, doch ist dies kein eingeebnetes, gleichbleibend dahinsiechendes, tröpfelndes Wasser, sondern ein Meer mit Ebbe und Flut, mit Hebungen und Senkungen, mit Extrema anstelle von Stetigkeit. Auch wenn ich in diesem Meer verloren bin, so spüre ich das Salz auf meiner Haut mit einer Intensität, als ob es sich durch die äußere Schicht in meinen Körper einätzte, einbrannte, einflößte. Denn hatte ich einmal angefangen, in Kategorien von Leben und Tod zu denken, ist das saure Salz, das prickelnde Pulsieren, die wahre Wirklichkeit unweigerlich über mich herein gebrochen. Es ist mit mir geschehen, die Realität hat mich ergriffen und nicht umgekehrt, ich hatte keine Wahl. Keine Leistung ist mir deshalb anzurechnen. Nichtsdestoweniger mache ich vom Wirklichen mit aller Kraft Gebrauch, ich erlebe das Reale und fühle mich dadurch am Leben. So wie in meinem Inneren das Blut durch meinen Tumor strömt, so pulsiert das wahre Leben in mir.

Denn ich bin zu mir zurückgekehrt. Zum Anfang meiner Kindheit, als ich das erste Mal mit dem Tumor konfrontiert war und das erste Mal das medizinische Programm von Chemotherapie bis zur Operation absolvierte. Ein Stückchen Tumor war damals übrig geblieben, da er sich nicht von meinem Gewebe hatte loseisen lassen wollen. Friedfertig hat er sich sein kleines Plätzchen in meinem Bauch eingerichtet, hat sich eingenistet und sanftmütig geruht, bis er von den pubertären Hormonen geweckt wurde. Seitdem wächst er, wenn auch langsam, so doch kontinuierlich und hat immer mehr Raum ergriffen. So viel Raum, bis es anfing, öfter und schlimmer als sonst zu schmerzen in meinem Bauch. Dann der Weg ins Krankenhaus und – zack! – mein ach so scheinbar normales Leben fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen und ich bekam es mit der Realität zu tun. Mit der gleichen Realität, die ich zwanzig Jahre zuvor bereits um mich hatte und die mich nun wieder zu mir selbst zurückgeführt hat. So hilflos, wie ich durch sie wieder geworden bin, so nah fühle ich mich dem Leben und so sehr empfinde ich mich als Ich. Denn der Tumor war immer ein Teil von mir, war immer in mir, war deshalb immer meine Realität. So sehr ich meinen Tumor hasse, so kann ich nicht umhin, ihn auch zu lieben.

Frühe Schriften II: Verschleiß, doch kein Verfall

November 28, 2009

Dezember 2007.

Ich blicke in den Badezimmerspiegel: Linien in der Haut, drei lange oben waagrecht auf der Stirn, drei vertikale auf dem Nasenbein, zwei halbovale links und rechts über dem Mund. Ich schaue an mir herunter, starre erst auf den blauen Badezimmerteppich, um noch einige Sekunden zu gewinnen, lasse dann jedoch meine Augen diszipliniert zu meinen Zehen und weiter nach oben wandern. Ich inspiziere – untersuche mit medizinischer Schulung meinen Körper: sich kringelnde Krampfadern, zwar kleine, jedoch schwarmartige  Schwangerschaftsstreifen , ausgeleierter Hintern, schlaffe, hängende Brüste, geäderte Unterarme und Hände wie bei einer Drogenabhängigen.

Nicht zu sprechen von dem centgroßen, kantigen, unnatürlichen Hügel links über der Brust. Dieser Hügel lässt die chemischen Stoffe und allerlei andere Flüssigkeit direkt in die große Vene fließen. Der Hafeneingang zu meinem Blutkreislauf: mein Port. Nicht zu sprechen von den dazu passenden zwei fünf Zentimeter langen Vertikalen, eine frische rote links zwischen Brust und Schlüsselbein, eine schon verwachsene hellrosafarbene rechts zwischen Brust und Schlüsselbein. Erstere springt in roter Signalfarbe seit einem halben Jahr ins Gesicht, Letztere trage ich ungefähre zwanzig Jahre.  „Na ja“, denke ich mir, „wenigstens symmetrisch. Wenigstens bin ich nun symmetrisch links und rechts geschnitten.” Soviel zu den Vertikalen.Denn auch nicht zu sprechen von der einschneidenden Horizontale am Bauch, die meinen Körper in zwei symmetrische Hälften teilt. Wie eine Paketschnur, die waagrecht über meinen Nabel gelegt, beidseitig hinter mir angezogen, am Rücken mit aller strengen Kraft verknotet und nie mehr losgelassen wurde, so dass das Bauchfett sich daran gewöhnt hat, nach oben und nach unten verdrängt zu sein. Wieder einmal, wie schon so oft, die bedauerliche, aber hinnehmbare Erkenntnis, dass ich im letzten halben Jahr um sachlich geschätzte fünf Jahre gealtert bin. Fünf Jahre auf sechs Monate, ohne weibliches Schlechtreden, mit dem neutralen kühlen Blick der Medizin. Demnach ist mein Körper jetzt 27 Jahre alt. Dabei allerdings nicht dem Verfall, als vielmehr dem Verschleiß anheim gefallen. Ja, ich muss es mir eingestehen: Ich hatte zum Verschleiß und dabei mitunter zum völlig nutzlosen, sinnlosen, jeden menschenverachtenden  Nihilisten und jeden schadenfreudigen Zyniker ergötzenden Verschleiß meines Körpers zugestimmt, weil ich denjenigen Glauben schenkte, die den Verfall in meinem Bauchinneren geortet zu haben ach so gewiss sind. Ich hatte der Chemotherapie zugestimmt. Denn Verschleiß, so die Annahme, ist ohne Frage dem Verfall vorzuziehen. Eine grundsätzlich zutreffende Annahme. Indes – mein Körper verfällt nicht in seiner Mitte, er verändert nur die Raumaufteilung, was zwar nicht willkommen zu heißen, jedoch nicht als Verfall zu werten ist. Deshalb hatte die Chemotherapie auch keinen Erfolg gezeitigt, ja war sie a priori zum Scheitern verurteilt. Wäre mein Tumor Verfall und nicht Verschleiß, wäre Ich der Verfall. Denn was in mir die Raumbewegung vorantreibt und was von einigen als Verfall ausgemacht wurde, das gehört zu mir. Das ist ein Teil von mir. Das bin schlechterdings Ich. Und dieses Ich weigert sich als Verfall zu gelten, weil es nicht nur überzeugt ist, sondern weil es spürt, nein – vielmehr: weiß, dass es nicht verfällt.

Dies ist meine Geschichte. Eine Geschichte des Verschleißes und einer als Verfall deklarierten, als Verfall geglaubten, nach misslungener Chemotherapie jedoch als Verfall verworfenen Veränderung. Einer wortwörtlich wie auch im übertragenen Sinne raumgreifenden Veränderung. In mir und von mir. Und das erst schleichend über die letzten zwei, drei, untersuchtermaßen höchstens vier Jahre hinweg, dann sich beschleunigend bis zum entdeckten Einbruch vor nun genau einem halben Jahr. Seitdem weitere Raumausdehnung und intendierte, da erkanntermaßen existenziell erforderliche Entschleunigung: Raum und Zeit, wie ich sie wahrnehme und moduliere, in ebengleichen Wandel wie ich, meine Begleiter auf meinem Weg. Dies ist meine Geschichte.

Frühe Schriften I: Fallen und aufstehen

November 28, 2009

Juli 2007. Im Toaster.

Ein Schwenk aus meiner Realität gefällig?

Der Toaster: die Patientenfabrik. Ein kolossaler, in den Raum geworfener Kasten am Rande meiner Heimatstadt, der neben den zierlichen Wohnhäusern mit akkurat gestutzten Hecken und scheußlichen Gartenzwergen nicht nur von einer anderen Welt zu sein scheint, sondern diese andere Welt auch in sich beherbergt. Auf der einen Seite das heile Leben mit spielenden Kindern im ordentlich gepflegten Vorgarten, auf der anderen Seite die  gigantische Heilsmaschinerie namens Krankenhaus. Eine ganz andere Welt, eine Welt für sich, ein Mikrokosmos mit stark hierarchischen Strukturen und klar definierten Funktionen, deren erste die Verlängerung der Lebenszeit oder besser: der Aufschub des Todes ist. Hier auf der onkologischen Station, so kühl sie auch gehalten sein mag, so freundlich auch die Ärzte und Schwestern drein blicken mögen, so aufmunternd auch die als ‚gesund‘ geltenden Besucher mit den Köpfen zunicken, ist der Tod überall spürbar, ja sitzt er geradezu auf der Bettkante. All diese Menschen mit kahlen Köpfen, abgemagerten Körpern und eingefallenen Gesichtern, die im Zeitlupentempo über den Gang schlurfen. Manche davon mit einer Mimik, die nur mehr die Furchen der Mühsal, jedoch keine noch so schmalen Spuren von Mut ausdrückt.

Und ich, Anfang zwanzig, gerade aus Singapur zurückgekommen und nun für ein paar Wochen in Wien arbeitend, mitten drin. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Das junge Leben auf Station mit wandelnden Leichen. Na bravo, könnte nicht besser sein. Und neben mir auch noch ein quengelndes Sensibelchen um die sechzig, die sich nur von Schmerzmitteln zu ernähren scheint und die Schwestern mit allerlei Sonderwünschen im Stundentakt terrorisiert. Ich liege starr auf meinem Bett und versuche mich so wenig als möglich zu regen, damit mein Bauch und meine nun aufgefrischte Narbe sich von der gestrigen Operation erholen können. So bleibt nur der Blick aus dem Fenster, doch auch dieser ein einziges Trauerspiel: Was sich die Klinikleitung wohl dabei dachte, die onkologische Station im Tiefparterre mit Fensterblick auf einen überwucherten Hügel anzusiedeln. Die einzig evidente Antwort: Damit sich die leichenblassen Gestalten schon einmal an die Dunkelheit und die Erde gewöhnen. Ich muss hier so schnell als nur irgend möglich raus! Die Ärzte wollen mich mindestens acht Tage in diesem Gefängnis halten, da schaffe ich es als Stehaufmännchen wohl in vier oder fünf, denn so schnell ich mich körperlich wie psychisch in einem tiefen Loch befinde, so schnell springe ich auch wieder heraus. Diese Fähigkeit, auch noch so herbe Schläge hinzunehmen, zu akzeptieren lernen und ihnen in aufrechter Positur mit der Kraft der Gewohnheit das Leben abzutrotzen sollte mir noch einige Male zu Gute kommen. Fallen, aufstehen, fallen, aufstehen, fallen, aufstehen – und sich dabei das Lebendige bewahren.

Das Lebendige bewahren? Schlauer Spruch, doch wie das? Aus dem Vollen lieben, leiden und leben! Nur aus dem Vollen, ganz oder gar nicht, hoch oder tief. Dabei zwar die Balance zumindest als anzustrebendes Ziel nicht aus dem Auge verlieren, doch ebenso schwelgen und genießen wie ertragen und aushalten. Selbst im Krankenhaus, nein: gerade dort! Zwei Tage später kommt aus Belgien angereist der Mann, den ich in Singapur lieben lernte.  

27. November 2009 – Sie ist weg

November 28, 2009

Können die Zeitläufte nicht einmal geordnet daher kommen? Können sie nicht einmal dem Plan folgen? Müssen sie immer der Überraschung, dem Chaos, dem Unvorhergesehenen frönen? Die letzten zwei Jahre lassen keine andere Antwort als die lauthalse Bejahung zu. Seitdem mein Tumor sich vor zwei Jahren plötzlich aktiv gezeigt hatte und seither mit Operationen, Chemotherapie und Medikamenten getriezt wurde, ist die Ungewissheit zu meiner Busenfreundin geworden. Ungewissheit über das, was ist, was getan werden kann, wie gehandelt werden soll, was sein wird. Die Ungewissheit und ich sind beinahe so sehr verschwistert, dass ich weder ihre permanente Präsenz noch ihre plötzlichen Paraden als anormal empfinde. Die Ungewissheit, die mit dem Unvorhergesehenen ein schönes Paar abgibt, hat sich derart of gezeigt, dass ich mich mittlerweile an ihre Anteilnahme an meinem Leben gewöhnt habe. Das Paar der Ungewissheit und des Unvorhergesehenen sind Eingesessene geworden. Sie überraschen nicht mehr.

Indessen reizen sie noch immer. Je mehr der heutige Tag in die Neige ging und je ungewisser der nächste Tag der eigentlich geplanten Rückreise in die Heimat wurde, desto nervöser und gleichzeitig wütender wurde ich. Ich hatte mich gestern meines Schattens entledigt, hatte mich gestern von ihr befreit, hatte gestern der Entscheidung den Garaus gemacht. Das Springen zwischen dieser und jener Seite des Schicksalsseils hat aufgehört, indem ich auf einer Seite stehen blieb.

Diese Seite sollte ich heute meinem Springpartner erklären. Es drängte in mir die Mitteilung, die von Erleichterung ob der verscheuchten Entscheidung angetrieben wurde. Doch der vereinbarte Anruf ‚at lunchtime‘ von Dr. T. blieb aus. Meine Busenfreundin, die Ungewissheit, machte sich stattdessen breit. „Wo bleibt um Himmels willen die Zeitraffung, wenn man ihrer einmal wirklich bedarf?“, haderte ich ununterbrochen. Die Zeitläufte lachten sich derweil ins Fäustchen.

Um vier Uhr nachmittags beschloss ich, den Kühlschrank aufzusuchen und durch mein grundloses Erscheinen der lieben britischen Sekretärin meine Fiebrigkeit zu bekunden. Doch auch sie hatte schon die dritte email an den urlaubigen Dr. T. geschrieben. Trotzdem versprach sie mir, sich weiter um ihn zu bemühen. Unverichteter Dinge marschierte ich zurück zum Hotel. Den Weg säumten Handlungsfragen zur neuen unerwarteten Sachlage. „Was, wenn ich Dr. T. heute nicht spreche? Soll ich morgen meinen Flug nach Hause antreten oder nicht? Soll ich einfach hier bleiben auf die Gefahr hin, dass der zugesandte OP-Bericht doch seine Meinung geändert hat? Weilen oder fahren, Sophie?“

Als ich sofort nach Ankunft im Hotelzimmer eine email an Dr. T. dabei war zu verfassen, leuchtete plötzlich mein Posteingang auf. Sie haben Post. Ich wechselte hinüber und brach in Freude über den Absendernamen aus: ‚Dr. T.‘ blinkte mich in frisch fetten Lettern an. Ich lechzte nach den elektronischen Buchstaben. Die aufgestaute Spannung des Tages veranlasste mich zeitsparend quer zu lesen und die wichtigsten Stellen heraus zu filtern. Zeit-raffffffffffff-ung voraus.    

„Sophie,

after detailed review of all information, I believe it is worth a try for evisceration and auto transplantation. I would expect to move forward when you are ready, and Wednesday is available now. (…) We should however be prepared to move forward with multivisceral transplantation. Although not likely, it is possible that we would move ahead with autotransplant, and this would fail, leaving you with the acute need to move into the multivisceral transplant, as the second line option. (…) Sorry I did not call earlier to discuss, as the holiday was busy. Please let me know if you have more questions or if you can make a decision with this information.

Sincerely, Dr. T. “

Als meine Augen sich anschickten, die Zeilen auf ein Zweites, doch en détail von oben nach unten abzutasten, klingelte das Hoteltelefon. „Jetzt ist aber etwas los“, dachte ich mir. So mag ich es. Natürlich war es Dr. T.. Er wiederholte den bereits bekannten Inhalt seiner schriftlichen Nachricht. Ich brachte das Neuartige mit.

„Dr. T., my family and me discussed yesterday on the phone about what to do. And I’ve taken a decision. I want to try the resection with possible auto-transplant. Though success is not guaranteed at all, I want to grasp that option. In the last resort, if the surgery fails entirely, I could still do the multivisceral transplantation.”

Raus war er, der Schatten der Entscheidung. Weg war sie. Weg war die Entscheidung, die Richterin der Zukunft. So wie sie gekommen war, ist sie auch gegangen: auf letztlich verwundernd leisen Sohlen ist sie wieder weg getappt. „Ja wirklich.“, wunderten sich meine Gedanken über die Zeitläufte. „Wirklich weg. Sie ist wirklich weg.“ Ich triumphierte. 

26. November 2009 – Totenstille und Berührung

November 27, 2009

Washington DC.

Nach gestriger Ankunft von ihr könnte der heutige Tag nicht besser ins Situationsbild, nicht besser zu meiner Stimmung, nicht besser zu ihr passen. Seitdem mir die Entscheidung seit gestern im Rücken sitzt, ist Totenstille eingetreten. Eine Totenstille, die den Titel Thanksgiving trägt.

Die bekümmerte britische Sekretärin hatte mir schon im Vorfeld ihr tiefstes Bedauern ausgedrückt, dass ich diesen höchsten amerikanischen Feiertag ohne Familie in Washington verbringen werde. „Please let me know if you need anything over the Thanksgiving holiday. I hate the thought that you are here alone. Please don’t hesitate to call me at home if you need anything, or have any problems.” Ich war tief berührt von ihrer Herzlichkeit. Und gleich einmal auf die säkular sakrale Stimmung des kommenden Tages eingestimmt. Selbst der Taxifahrer hatte mir schon prophezeit, ich würde außer den ‘homeless’ keinen Menschen auf der Straße antreffen. Er sollte am Ende des Tages Recht behalten. Die Familien blieben zu Hause und frönten der Gemeinsamkeit und dem Truthahn. Sie priesen keinem Gott, sondern der Institution der Familie und der Familie der Nation. Gerade weil der Feiertag ein weltlicher ist, wird von Ost- bis Westküste auf ihn das hohe Lied der Nation gesungen. Gerade weil Thanksgiving nicht von frommen Schriften sondern von der fruchtbaren Erde herrührt, fühlt sich das multireligiöse Volk für einen Tag über alle Glaubensbarrieren und über die Weitläufigkeit des Landes hinweg vereint. Dieser eintägigen Verbundenheit wurde qua Dankbarkeit in Andacht gehuldigt.  

Ich wiederum widmete mich in Andacht an diesem Tag der Totenstille meinem lauernden Schatten. Denn ich hüpfe noch immer über das Springseil der Ungewissheit. Resektion oder Multiorgan, Resektion oder Multiorgan, Resektion oder Multiorgan. Hin und her und hin und her und hin und her und hin und her. Mir ist schon ganz schwindelig und ich bin außer Atem. Um mir zu mehr Luft zu verhelfen, spazierte ich tagsüber auf den leer gefegten Straßen und ließ mich von der Stille der Stadt in die Lüfte heben. Nur am Weißen Haus holten mich ein paar lautstarke Touristen wieder auf den Boden. Selbst die zahllosen Obdachlosen schienen an Thanksgiving die Stille nicht durchbrechen zu wollen und verzichteten auf ihre monotone Bitte um Kleingeld. Sakrosankt gebärdete sich dieser quasi-religiöse Feiertag. Er ließ mir die Ruhe und den Raum zur Reflektion.

Auch ließ er mir die Zeit und Muse zu regem Austausch mit meinen Lieben über den Ozean hinweg. Mehrmalige Onlinetelefonate mit meiner Mama, emails mit meinem Bruder und meinem besten Freund, Chatnachrichten mit meiner besten Freundin. Der einzige, der an diesem Ruhetag nicht ruhte, war mein Laptop.

Nachdem er seinen Dienst tagsüber eigentlich schon erfüllt hatte, verband er mich abends im Hotel erneut mit meiner Mama. Ich mag die Vorstellung nicht, sie allein in ihrer großen Wohnung zu wissen. Denn zu allem Überfluss verbringt mein Vater nach seiner lange geplanten Knieoperation diese Wochen im Rehazentrum in der trauten bayerischen Wald- und Seenlandschaft. Die leise und eintönige Stimme meiner Mama verrät ihren Schwermut, ihre Traurigkeit, ihre doppelte Belastung mit krankem Mann und Kind. Mir zerreißt es das Herz, meine Mama in diesem Zustand bildlich vor mir zu sehen, schlimmer noch: der kurzfristige Anlass dieses und die lebenslange Ursache solcher Zustände zu sein. Ich versuche sie aufzumuntern und ihr Lebenskraft zu schenken. Denn im Gegensatz zu meiner traurigen Mama bin ich an diesem Abend des Tags der Totenstille heiter und fröhlich. Nach drei ausnehmend zeitgerafften Tagen im chronisch akzelerierten Kühlschrank und in den chronisch beschleunigten Zeitläuften der Washingtoner Woche hat mir die Ruhe gut getan. Derart ausgeglichen quelle ich über vor innerer Freude und Leichtigkeit. Selbst im Schatten der Entscheidung ist das Leben schön. Selbst im Schatten strahlt die Sonne für mich. Selbst im Schatten streichelt der Sonnenschein mein Gesicht.

„Um Dich ein wenig aufzuheitern, Mama, hör Dir das an. Jedes Mal, wenn ich jemandem hier im Krankenhaus meine Geschichte erzähle, egal ob Schwestern, Ärzten oder anderen Patienten, ist die erste Reaktion nicht Mitleid, wie so oft in Deutschland. Das Erste, was zurückkommt, ist lustigerweise immer der gleiche Kommentar: Nämlich dass ich wohl einen ‚strong family background‘ haben müsse, so wie ich das alles hier machte. Darauf sage ich dann immer ganz stolz: ‚Yes, that’s true. Without the strength of family I couldn’t do all that.‘ Das beeindruckt anscheinend, da die Leute dann zumeist ehrfürchtig schauend verstummen. Und es ist ja wirklich so, Mama. Ich will jetzt gar nicht vom Geld anfangen. Viel wichtiger ist, dass ich ohne den Halt, den ihr mir gebt, das alles nicht so einfach durchstehen könnte.”

Meine Mutter lacht zuerst, dann sehe ich sie sich zufrieden zurücklehnen und entspannt lächeln. Ach, tun diese Laute, ach, tut dieses Lächeln gut! Wenigstens für Momente ist ihre Anspannung auf Abwegen. Ihre Stimme ist wieder gefestigt und melodisch. 

„Das einzige Gute an dieser ganzen Geschichte ist, dass Du so stark bist, Sophie.“ 

„Tja, das ist das alte Lied, Mama.“, erinnere ich sie an unsere zahlreichen Gespräche zum Thema Lebenskraft und Lebensmut. „Man wird so gemacht. Da kann ich gar nichts dafür. Entweder Du gehst unter oder Du wirst nur noch stärker. Da ich nicht untergehen will und werde, kann ich nur noch stärker werden.“

Ich zögere. Soll ich meinen weiter führenden Gedanken wirklich aussprechen? Soll ich mich dessen gerade jetzt befreien, da sie sich in dieser fragilen Stimmung befindet? Ja, der Moment ist der gute und sie muss es wissen. Schon lange wartete ich auf Kairos, um ihr Folgendes mitzuteilen. „Weißt Du, Mama, selbst wenn ich mir nicht sicher bin, welche Entscheidung die richtige ist, Eines weiß ich tief in mir drin mit Sicherheit, ja spüre ich in meinem Innersten. Du brauchst Dir keine Sorgen machen, Mama. Denn ich werde niemals vor Dir untergehen.“ Jetzt ist es raus. Ich möchte es noch klarer formen. „Ich werde niemals vor Dir sterben, Mama. Das wird nie passieren, weil ich es niemals zulassen würde.“

Meine Mama weint. Jetzt habe ich es also doch geschafft. Doch es sind nicht die gleichen Tränen wie am Anfang des Telefonats. Es sind keine Tränen der Traurigkeit. die sie vor mir zu kaschieren sich angestrengt hat. Es sind Tränen der inneren Berührung und ja, vielleicht sogar Tränen des Glücks. Ich bin ob ihrer Reaktion genauso gerührt wie sie. Denn es ist wahr, ohne meine Familie wäre ich schon längst untergegangen. Ohne meine Familie könnte ich den Schatten der Entscheidung, der mir immer noch hinterrücks nach schleicht, nicht durch Sonnenstrahlen erhellen. An diesem Tag der Totenstille erliegt selbst die Atheistin, die ich bin, der Aura des Sakralen: Ich bin gesegnet mit meiner Familie.

„Ich hab Dich sehr lieb, Sophie.“

„Ich Dich auch Mama, sehr sehr lieb.“            

Nach diesen ergreifenden Worten am Ende dieses Tages der Totenstille scheint mir eine Seite des Springseils solider zu sein als die andere. Obgleich noch zaudernd, neige ich nach einer Seite hin. Ich hüpfe nicht mehr gehetzt hin und her, sondern verweile länger auf einer Seite.

25. November 2009 – Sie ist da

November 26, 2009

Washington DC.

Sie ist da. Endlich. Zwar nicht ersehnt, doch dringend erwartet. Dringend im Angesicht meiner blau durchschlängelten und bereits unebenen Haut am ganzen Körper. Selbst an den Füßen treten die Venenschlangen bereits hervor. Denn die senkrecht-aufrechte Mutter aller Schlangen in der Körpermitte wird vom Tumor immer mehr zugedrückt, so dass sie sich selbst und all ihre im Körper verteilten Töchter verkrampfen und nach außen flüchten. Blau und uneben ist die Körperlandschaft der Venenschlangen deshalb. Die sich windenden Venenschlangen rufen mir verzweifelt die Notwendigkeit des sofortigen Handelns zu. Sie wollen wieder zurück in die behagliche Verborgenheit des inneren Fleisches. Den Dunkelgetieren gefällt das grelle Licht an der Hautoberfläche nicht. Genauso wenig gefallen sie mir von außen blickend. Je drängender die Venenschlangen sich nach außen pressen, desto dringender war das Warten auf die Ankunft von ihr.

Jetzt ist sie da. Sie ist auf leisen Sohlen heran getappt, die am heutigen Tage noch nicht fällig waren. Die Zeit verrichtete ihre Arbeit der Raffung also ausgesprochen gut. Denn die Zeit hat sie herbei gezerrt. Daran hatte die mir so angenehme, da britisch vertraute und in der Fremde verbundene Sekretärin von Dr. T. mit ihrer Organisations- und Terminkunst ihren hehren Anteil. Nach nur drei Tagen alle Untersuchungen durchlaufen und bereits alle Ergebnisse eingeholt. In Deutschland wären dafür drei Wochen von Nöten gewesen, ganz gleich, wie drängend die Venenschlangen pochten. Die britische Hilfe tat demnach ein Übriges, um ihr den Weg zu mir zu bereiten. Plötzlich stand sie vor mir und richtete sich ein. Plötzlich war sie da und ist es noch immer. Die Entscheidung. Die Richterin der Zukunft. Die Richterin meines künftigen Lebens.

Ich war gerade von meiner Schlafnarkose aufgewacht, als bereits der Endokrinologe neben mir stand. „Already done?“, fragte ich ungläubig skeptisch. Ich war doch vor einem Augenschlag erst eingeschlafen. Der Leitfaden des Übermaßes war folglich auch bei dieser Untersuchung errötet. Legt sich in deutschen Küchengeräten nur ein leichter Nebelschleier um den darmzuspiegelnden Patienten, wird der selbige im amerikanischen Kühlschrank vollkommen aus der Wirklichkeit katapultiert. Mir war es nicht unangenehm, muss ich wider meines europäischen Stolzes, der zurecht an ein Minimum an Medikation appelliert, zugeben. Ein kleines Nickerchen mitten am Tage vergönnt mir mein Körper-, Geist- und Seele-Regime sonst nicht. Es hat mich um die Unannehmlichkeit einer Minikamera im Darmtrakt gebracht. Ich schlief ein und wachte eine gefühlte Sekunde später wieder auf. Erneut wusste die Zeit im Kühlschrank im Speziellen und im amerikanischen Traum im Allgemeinen mit ihrem Raffungstalent zu glänzen.

„Yes, our anaesthesia works pretty well.“, antwortet der Endokrinologe stolz. Er teilt mir – Zeiteffizienz, Zeiteffizienz! –  unmittelbar mit, dass sich keine ungewöhnlichen Gäste in meinem Darm befänden. Dr. T. hatte den Verdacht prüfen wollen, ob mein seltenes Stück von Tumor auf einen Gendefekt zurückzuführen sei, der auch Polypen im Darm ansiedeln lässt. Familiäre Polyposis, um Fachbegierige zufrieden zu stellen. Doch mitnichten. Diese genetische Krankheit ist glücklicherweise an mir vorüber gegangen. Mein Stück von Tumor bleibt ein Einzelfall, bleibt eine Besonderheit, die ich mir als Besonderung imaginiere und interpretiere.

Nach dieser Erleichterung und egostreichelnden Bestätigung meines Sonderfalls will die Schwester meinen vorgeschützten Hotel-Concierge aus dem Wartezimmer holen lassen. Diesen Hotel-Concierge gibt es aber nicht. Der Untersuchungsbedingung einer Begleitperson nach Hause war ich ex ante mit der Täuschung eines beauftragten Hotel-Concierges nachgekommen. Ich bin allein in Washington, Himmel Herr Gott! Wer sollte mich schon abholen können?

Dieser nichtexistente Hotel-Concierge wäre nur eine Marginalie, hätte er nicht dazu beigetragen, sie herbei zu holen. Denn ein Verständnisfehler um den Hotel-Concierge bescherte mir das Gespräch mit Dr. T., das frühestens auf Freitag terminiert gewesen war, bereits heute. Und mit diesem Gespräch kam sie, die Entscheidung, herbei.

Um die Abwesenheit des Hotel-Concierges zu kaschieren, sage ich der Schwester: „That’s not necessary, thanks. I first have to go to the transplant center to see Dr T.’s secretary. She wanted me to come to see her directly after my colonoscopy because of my appointment with Dr. T..” Wohl gemerkt: wegen meines Termins mit Dr. T. in der Zukunft der Tage, nicht der Gegenwart des Heute. Doch dieses zeitlichen Unterschieds wurde die Schwester offensichtlich nicht gewahr, rief sie doch anstelle der Sekretärin den freitäglich erwarteten Dr. T. persönlich an und herbei. Plötzlich stand er neben mir, die vor einem Moment noch darmgespiegelt und vor einem halben Moment erst aufgeweckt wurde. Während ich mich – natürlich! – schnell ankleidete, verbeugte ich mich gedanklich vor der beschleunigten Zeit des Kühlschranks und dankte der intersubjektiven Kommunikationsschwierigkeit zwischen der Schwester und mir. Angezogen führte mich Dr. T. in sein prächtig symbolkapitales Büro und ließ die Tür offen – für sie.    

Ich lasse mich in den gemütlichen Ledersessel vor seinem Mahagonischreibtisch nieder. Vom bemitleidenswerten Krankenbett in den edlen Clubsessel innerhalb von zehn Minuten ist kein unansehnlicher Rekord, würde ich einmal sagen. Die Sublimität des Gesprächs, die Sublimität der langsam ins Zimmer schreitenden Entscheidung hat sich ein passendes Ambiente gesucht. Dementsprechend nehme ich Haltung an.

Auf der britisch ermöglichten Grundlage aller Ergebnisse unterbreitet mir Dr. T. die bereits aus Deutschland bekannte Komplexität meines Stücks Sonderfall. „It doesn’t look very good to be honest. There might an option to partially remove the tumor, but I cannot guarantee anything. Most likely you will become diabetic and if I had to remove your small bowel you would also need artificial nutrition. I think I could save your liver, but still would recommend multivisceral transplantation. It’s the more entire solution and would give you a relatively similar life quality as now. Though of course, the risk of not accepting the organs is at 25%. The pictures don’t show me what I could do in a resection. It might succeed, but there’s no guarantee. It’s very complicated.”

Halt, halt, halt! Nicht so schnell, hier muss ich der gerade noch gelobten Zeitraffung Einhalt gebieten. Zum Verstehen und Denken braucht man Zeit. Information-overload. Mit klassisch deutscher Ordnungs- und Strukturliebe muss vorgegangen werden. „If I understand you correctly, there are two options, no? One is the resection with possible auto-transplant and the other one is direct multivisceral transplantation with possible maintenance of my liver.” Ich pausiere. “I know probabilities are very hard to estimate in my case, but what would you say is the chance of success with a resection?”

Er zögert und denkt sichtlich angestrengt nach. “Of course, you cannot really tell, but I would say fifty-fifty.“ Das ist nicht sehr viel, ich hatte mir mehr erhofft. Doch es ist eine noch immer konsiderable Zahl, eine Chance, die noch besteht.

„I mean“, fahre ich fort, „I could do the resection with possible auto-transplant and if it doesn’t succeed, I could still do the multivisceral transplantation, no?” Strategisches Denken gehört glücklicherweise zur deutschen Strukturliebe.    

“Yes, sure. It’s just the question if you want to take up the risk what your doctors in Germany did: that I open up and cannot do anything. So that the surgery would be for nothing. That’s a real possibility. And of course, there are also the pain and the need for recovery after such a surgery. And also it could make a later multivisceral transplantation more complicated.”

Zweifelsohne schwer wiegende Faktoren. Indes, sind meine Organe einmal draußen, sind sie auf immer flügge. Ich möchte mir später, wenn mein Körper vielleicht gegen seine neuen Gäste im Bauch rebelliert und ich das Krankenbett nicht mehr so einfach gegen den Ledersessel eintauschen kann, nicht nachsagen: „Hätte ich doch die Resektion…“. Andererseits ist das Risiko eines erneuten Wachstums des restlichen Stücks Sonderfall bei einer Resektion auch nicht gering.

Ich springe zwischen Einerseits und Andererseits, Für und Wider, Vor- und Nachteilen, Resektion und Multi-Organtransplantation hin und her. Die Entscheidung spannt das Seil der Ungewissheit mit all ihren Kräften. Und Dr. T. springt mit. Wir sind beide gleichermaßen unsicher, ungewiss, unschlüssig. Ich bin froh, dass er es zugibt. Einen amerikanischen Heroen, der alles zu vollbringen vorgibt, kann ich nicht gebrauchen. Ich möchte ihm nicht die Pistole auf die Brust setzen, doch die Brisanz der Lage gebietet Direktheit anstelle von Höflichkeit. „I mean, I know it’s hard to tell. But which option would you recommend me if I was, …let’s say: your daughter?”

Wieder zögert er, wieder blickt er in die Luft, wieder kräuselt sich die Denkader auf seiner Stirn. „That’s a really tough one. I think I would recommend you at first the multi-visceral transplant. I could probably keep your liver and the tumor could likely be removed entirely. Yet what we could also do is to do the resection with possible auto-transplant as an exploration where I see what I can do, but where I don’t do anything that could render you without small bowel.” Ich hatte ihm eingeschärft, dass die conditio sine qua non, die ultimative Bedingung, die bottom line für mich eine relative normale Essensaufnahme sei. Den Goldspatz des verlorenen Essens, der ihm beim ersten Gespräch vor zwei Tagen aus dem Mund geflogen war, hatte ich geköpft. (Ich hatte dabei nicht das geringste Mitleid empfunden.)  

Mit dem Tod des Goldspatz des verlorenen Essens starb natürlich auch ein Teil dessen, was möglich sein könnte. „I open up and if not feasible, I would step back and close up without having done anything.” Das wäre dann meine dritte Operation, bei der effektiv nichts geschehen wäre. Auf Juli 2007 und Juli 2009 im Toaster folgte nächste Woche Mittwoch im Kühlschrank. In dieser Bälde wäre ein OP-Saal für mich frei, wie die bemühte britische Sekretärin auf meine – nicht auf Dr. T.‘s! Er drängt zu nichts – Anfrage mittlerweile gecheckt hat. Der Konjunktiv wird am heutigen Mittwoch, in diesem Gespräch, in diesem symbolkapitalen Chefbüro, über den Mahagonischreibtisch hinweg ganz schön in die Pflicht genommen. Auch er hat das der ebenfalls in einem Ledersessel ruhenden Entscheidung zu verdanken. Ich würde ihm gerne frei geben, doch lauert die Entscheidung und spannt ihr Seil noch gleichermaßen luftzerschneidend.  

Dr. T. und ich spielen weiter Szenarien durch, springen weiter hin und her, hüpfen weiter über das Seil der Ungewissheit. Er wird mir immer sympathischer, je länger wir springen. Gemeinsam sind wir auf der Suche nach der stabilsten Seite des Seils. Nach derjenigen Seite, auf der ich in Zukunft möglichst lange stehen bleiben kann. Er ist zu meinem Springseilpartner geworden.

Später wird er mir auf meine email mit der versprochenen Englischübersetzung des letzten OP-Berichts, der ihn vor dem warnen soll, was schon zweimal einen Erfolg verhindert hat, mit partnerschaftlichem Ton antworten. „You strike me as quite an extraordinary person.“ Mein Stück von Sonderfall lässt mir da keine Wahl. Ganz im Gegensatz zu Frau Entscheidung, die sich seit ihrem Eintreffen im symbolkapitalen Büro von Dr. T. an meine Fersen heftet. Wie ein Schatten lässt sie mich keinen Augenblick mehr allein, frei sein, ruhen. Sie treibt mich zum weiteren Springen zwischen dieser und jener Seite an. Um sie zu vertreiben, bin ich noch zu schwach.       

25. November 2009 – Lehrstück in Sachen Lebensverdichtung

November 25, 2009

Washington DC. Rückschau auf den Schwarzwald. 

Die Raffung der Zeit will es, dass ich erst jetzt in Washington meinen kuriosen Trip in den Schwarzwald be-schreiben kann. Er muss be-schrieben werden, da er das stetige Dasein von Zeitkontrolle bezeugt. Die Zeit fliegt, doch ich kann sie noch an mich reißen. So hat sich ein Lehrstück dessen zugetragen, was ich unter Lebensverdichtung verstehe. Was ich darunter verstehe, das Leben zu intensivieren und zu verstärken; es wie eine Stereoanlage aufzudrehen und wie eine Orange auszupressen. Was ich darunter verstehe, die Zeit am Kragen zu packen, an der Zeit zu kratzen, die Zeit zu unterwerfen.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Als ich vor drei Wochen zu meinem Freund nach London flog, lernte ich in der Früh beim Laufen im kleinen Park einen jungen Mann kennen. Noch immer mit einem Bein im Schlafland, riss er mich in die Wirklichkeit, als er mir ebenfalls laufend entgegen kommend anzeigte, stehen zu bleiben. „Excuse me please, but I’m a bit confused now. Could it be that I saw you yesterday at Stansted airport? I remember you were entering the coach to London with a coffee in your hand when I saw you. Already by then I thought: ‘If you ever saw that woman again, you must absolutely speak to her.’ And now I saw you again.”

Ich war konsterniert. Triefend von Schweiß und Londoner Nieselregen wurde ich von einem durchaus ansehnlichen jungen Mann in meinen Träumen überrascht. Und seine Geschichte war nicht einmal erfunden, was der wahrhaftige gestrige Kaffee in meiner Hand bewies. Zwar hatte ich ihn am Vortag vice versa mitnichten bemerkt, doch war der Zufall des Wiedertreffens bei gleichzeitigem Laufen in einem kleinen Park im großen London allzu kurios, als dass ich die Gelegenheit hätte verstreichen lassen wollen. Notabene gefiel er mir nicht übel.

Es stellte sich heraus, er war aus Frankfurt, lebt auf temporären Abwegen seit kurzer Zeit im Schwarzwald und besuchte übers Wochenende ebenfalls einen Freund. Der nuancierte Unterschied unserer Besuche ‚eines‘ und ‚meines‘ Freundes verhinderte zwar den verabredeten Kaffee am Tag meiner Abreise.

Allerdings blieben wir in Kontakt und nun, drei Wochen später, trafen wir uns wieder. Gewollt, geplant, geglückt. Bevor ich in die amerikanische Unbekannte aufbrach, habe ich mich noch einmal zur Herrscherin der Zeit aufgeschwungen. Ein rational irrsinniges Unterfangen, doch ein Lehrstück in Sachen Zeitunterjochung. Für einen Abend, eine Nacht und ein Frühstück fuhr ich in den Schwarzwald und habe genossen. Denn ich bedurfte ein bisschen Zweisamkeit, war der Anzeiger des Männertanks in letzter Zeit doch allzu tief gesunken.

Dies konnte auch mein Aufenthalt bei meinem Freund in London nicht aufhalten, ist er doch nur mehr eine Formalie in meinem Leben. Mein Tumor hat ihn schon seit seinem erneuten Bühnenauftritt vergangenen Juli, in dessen Folge ich unser gemeinsames London verließ, ersetzt. Mein Interesse, nicht zu sprechen von Gefühlen, ging seitdem verlustig. Er im Gegenzuge hängt wohl allzu sehr an mir, als dass er einen Schlussstrich ziehen würde. Ich in meiner Indifferenz habe keinen Anlass, das Gleiche zu tun. Lieber gemein aber ehrlich.

Denn mein Reservoir an Liebelei und Lebenskraft  weiß ich durch kleine Bandeleien aufzufüllen  – bewusst mit dieser Intention kalkuliert, dann emotional realisiert. Dies war der Hauptgrund für den Schwarzwald und es stellte sich heraus, dass der Zeiger des Männertanks schlagartig nach oben stieg. Er hatte schon gekocht und Kerzen angezündet, als ich abends ankam, der Romantiker. Danach entführte er mich in ein nahe gelegenes Spa, in dessen nackter Saunalandschaft wir ohne lästige Schamgefühle bereits unsere beider Körper sahen. Nicht einmal mein vernarbter aufgeblasener Bauch stand zur Debatte. Dem Verstand nach eigentlich Quell von Kopfschütteln, war Lockerheit zwischen uns eigentlich Fremden, doch schnell Vertrauten des Abends – und der Nacht Motto. Lockerheit und Lachen. Nach gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen fuhr ich entspannt, befreit und grinsend wieder in die Heimatstadt. Mein inneres Bedarfsreservoir an Nähe zum männlichen Anderen ist seither gedeckt, mein innerer Bedarfstank an Lebensverdichtung durch kleine Verrücktheit angenehm gefüllt.

Selbst zeitgeraffte Ewigkeiten und ozeanische Raumverschiebungen später lächle ich noch immer schelmisch, denke ich an den Schwarzwald zurück. Dieses Lehrstück in Sachen Lebensverdichtung entstammt zwar einer anderen, nämlich heilen Welt, doch trinke ich dieser kranken Tage in der amerikanischen Weltenferne genüsslich aus meinem berstenden Lebenstank.